Jürgen Kuhlmann

DER DIENER ALLER UND
DIE UNTERDRÜCKER

Versuch, einen heillosen Mechanismus
aufzudecken und zu demontieren

Eines der bedrängendsten Rätsel der Geschichte ist die Herkunft der Unterdrückungsmächte im Christentum. Wie kamen die Vampirzähne ins Gesicht der Kirche? Wodurch konnte es geschehen, daß in dem von Jesus befreiten neuen Volk Großinquisitoren und Henker zu blutiger Herrschaft gelangten? Liegt es einfach daran, daß die Verhältnisse eben böse sind und jede Macht zum Mißbrauch tendiert, oder gibt es gar eine spezifisch christliche Ursache für die Unchristlichkeit in der Christenheit? Mir scheint, ja. Und solange dieser heimtückische Mechanismus nicht bloßgelegt und direkt bekämpft wird, so lange mag man mit noch so viel Entrüstung laut nach einem besseren Kirchenrecht rufen - die einleuchtendsten Argumente helfen gar nichts gegen die inquisitorische Mentalität; denn sie ist mit dem gültigen Kern der christlichen Botschaft derart verfilzt, daß alles Dreinhauen entweder beides oder daneben trifft. Ohne geduldiges Aufdröseln ist hier nichts zu erreichen; macht der Leser mit?

Wer sich im verwickelten Gassensystem einer alten Stadt zurechtfinden will, nimmt klugerweise zunächst einen Stadtplan zur Hand; Verkleinerung des Maßstabs erleichtert die Übersicht. So wollen auch wir die Grundstruktur des Problems nicht gleich in der Weltkirche und ihren Jahrhunderten zu fassen versuchen, vielmehr eine heutige kleine Gruppe durch mehrere Wochen ihres Lebens begleiten. Zwei junge Familien wohnen zusammen in einer großen Altbauwohnung. Das ist lustiger und auch günstiger: man kommt mit einer Küche aus, einer Waschmaschine, einem Staubsauger; überdies kauft es sich im großen billiger ein, die Kinder können miteinander spielen und fremde Babysitter braucht man fast nie. Wie es sich gehört, ist das Zusammenleben auf Gerechtigkeit gegründet: beide Familien zahlen gleich viel in die gemeinsame Haushaltskasse und auch die Arbeiten werden aufgeteilt. Das geht eine ganze Weile gut. Es scheint, Gerechtigkeit sei ein solides Fundament für Glück.

Doch dann beginnt die Krise. Nachdem man sich schon seit einigen Wochen immer öfter an ideologischen Geplänkeln erhitzt hat, greift die Uneinigkeit auch auf das Wirtschaftliche über. "Weißt du, Hans", sagt Frau Gretel eines Tages zu ihrem Mann, "es ist eigentlich nicht gerecht, daß alle gleich viel bezahlen müssen. Jeden Morgen essen wir bloß unseren Haferbrei. Und die anderen? Schau doch an. wie sie frühstücken: Schinken und Eier, ganz auf die vornehme Art. Da mache ich nicht mehr mit." Zur gleichen Zeit wird im anderen Wohnzimmer ein ähnliches Gespräch geführt: "Weißt du, Kuno", sagt Frau Kuni, "wir sollten eigentlich einmal weniger in die Kasse tun. Jetzt waren wir zwei Wochen Skilaufen, da haben wir zwar nichts eingelegt, aber die anderen haben doch die ganze Zeit von den gemeinsamen Vorräten genommen: Zucker, Öl und Haferflocken. Das muß ausgeglichen werden." Nun, bald kommt es, wie es zwar nicht kommen muß, aber eben leider kommt. Angestauter Groll bricht durch, die Frauen sprechen nicht mehr miteinander. Dann taut das Eis wieder, man lacht gemeinsam über das unglaubliche Maß unserer menschlichen Kleinheit. Immerhin wird beschlossen, den großen Kühlschrank in zwei Hälften zu teilen; diese Leberwurst hier gehört Hans und Gretel, jener Edamer Käse dort Kuno und Kuni. Schielt Hans auch beim gemeinsamen Frühstück nach dem fremden Käse, so weiß er doch, was sich gehört, und bleibt verdrossen seiner Leberwurst treu. Aufs Neue ist eine klare Gerechtigkeit Fundament das Lebens. Aber ist das ein Leben? Glück ist es keins. Das merken die vier auch nach einigen trist-lächerlichen Wochen. "Lieber zahlen wir drauf, aber derart blöd neben und gegeneinander zu hausen, das mache ich nicht mehr mit," erklärt endlich Hans seiner Gretel und die hat das eigentlich auch schon gedacht. Sie gehen zu den beiden anderen hinüber und verkünden ihren Entschluß: "Von jetzt ab dürft ihr gern auch von unseren Sachen essen." "Schade, daß ihr den ersten Schritt geschafft habt", meint Kuno erleichtert, "mir stinkt unser neues System schon lange. Also gut, halten wir es wieder wie früher. Aufs Ganze gleicht es sich wahrscheinlich aus. Und wenn wirklich ein Teil draufzahlen muß: das ist kein zu hoher Preis für mehr Glück. Viele würden gern das Tausendfache dafür zahlen, wenn sie es nur kriegen könnten." Alle schauen auf Kuni, die ebenfalls lächelnd nickt.

Eine alltägliche Geschichte. Geben ist seliger als nehmen; der Klügere gibt nach; wie man sieht, haben diese ehrwürdigen Sprüche nichts mit Schwäche zu tun, aber viel mit Stärke - und mit Glück. Dessen zugleich unerbittliche und völlig zwanglose Autorität allein ist es, die hinter der Bergpredigt steht. Nicht weil Jesus Duckmäuser und Brave möchte, sondern weil er der Menschen Glück will, deshalb darf er sich trauen, ihnen die bekannten wunderlichen Ratschläge zu geben. Wer so frei ist, sie zu tun, der schafft Glück. Wer so frei ist ... - eben hier sitzt aber der Hase im Pfeffer, oder besser, das Nilpferd im Dynamit, denn das Problem ist ebenso gewichtig wie brisant.

Unsere Geschichte ist nämlich noch nicht zu Ende. Nach weiteren Wochen zieht Kunis junger Bruder, ein Student, ebenfalls in die Wohnung. Auch ihm kommt bald der Verdacht, er werde benachteiligt. Sobald er das Thema beim gemeinsamen Mittagessen zur Sprache bringt, fährt ihm sein Schwager über den Mund. Nachher sagt er zu ihm: "Hör gut zu, Kurt. Wir haben das alles schon ausprobiert. Kuni und ich, wir wissen ganz genau, was am besten ist. Kann schon sein, daß du etwas mehr bezahlen mußt als du ißt. Das ist aber nicht schlimm. Anders geht es nun einmal nicht. Wenn es dir nicht paßt, kannst du ja ausziehen." Verärgert und eingeschüchtert geht Kurt auf sein Zimmer. Und hier soll er sich zu Hause und wohlfühlen, wo er von fremden Leuten ausgebeutet und von den eigenen unterdrückt wird? Eine Mistwohnung ist das! Tief unglücklich ist Kurt, viel mehr als es die anderen vor einiger Zeit gewesen waren.

Was ist hier geschehen? Die Autorität des Glücks ist von bestimmten Menschen in eigene Regie genommen und zur Gewalttätigkeit verdorben worden. Kuno hätte Kurt seine eigene Glückserfahrung vorleben, erzählen und anraten sollen; in dem Augenblick aber, wo die ebenso richtige wie wichtige Botschaft einem anderen aufgezwungen werden sollte, war sie zuinnerst vergiftet, war der Leben schaffende Geist zum tötenden Buchstaben verkehrt.

Zum Glück hat Kuni aufgepaßt. Am Abend sagt sie: "Hört mal her, ich glaube, wir haben etwas furchtbar Falsches gemacht. Ich verstehe gut, warum Kurt mit einem solchen Gesicht herumläuft. Wir dürfen ihn nicht einfach überfahren. Ich schlage vor, Kurt bekommt sein eigenes Fach im Kühlschrank und braucht für Frühstück und Abendbrot künftig nichts mehr zu bezahlen. Seinen Anteil für das übrige übernehme zur Hälfte ich, so daß er auf keinen Fall einen Schaden hat. Einverstanden?" Den anderen ist es recht. Und Kurt? Keine fünf Tage braucht er, dann hat auch er gemerkt, worauf es ankommt, und beugt sich gern freiwillig der strengen Autorität des Glücks.

Ähnlich wie dieser Wohngemeinschaft ist es der Kirche im Großen ergangen. Jawohl, Jesu Erfahrung und Botschaft vom Glück durch Verzicht ist heilsnotwendig; wird sie mißachtet, dann verkommt menschliches Leben zur mehr oder minder hochprozentigen Hölle, dagegen wird gerade der am wenigsten einzuwenden haben, dem es um Emanzipation zu tun ist. Die Botschaft ist wahr und hat ihre Autorität. "Ihr nennt mich Lehrer und Herr; und recht tut ihr; denn ich bin es" (Joh 13.13). Aber, und das ist das Entscheidende, diese unangreifbare Autorität richtet sich nicht an den Menschen einfachhin, sondern einzig und allein an den freien Menschen als solchen. Zur Gerechtigkeit darf man jemanden drängen und notfalls unter Androhung von Sanktionen zwingen, zur heilsnotwendigen christlichen Liebe nicht. "Herr ist Jesus", bekannte die Urchristenheit mit absolutem Recht, gegen das "Herr ist der Kaiser" ihrer Umwelt. Weil der Kampf dieser formal gegensätzlichen Herrschaften jedoch in der einen Arena dieser Welt stattfand, darum lag die Versuchung nahe, ihn (gegen Jesu ausdrücklichen Befehl; Lk 22,25 f) zu einem Streit formal gleicher, nur inhaltlich gegensätzlicher Herrschaften zu verfälschen. Daß die Kirche dieser Gefahr weithin erlegen ist, bleibt ihre schlimmste Schuld. Wenigstens grundsätzlich hat sie sich jedoch im letzten Konzil von ihr distanziert und die lange so beharrlich verachtete Religionsfreiheit auch ihrerseits feierlich gelehrt. Die hat natürlich vielerlei Aspekte. Daß niemand einen anderen Menschen mit Gewalt daran hindern darf, nach seiner Fašon selig zu werden, davon ist man heute auch in katholischen Ordinariaten überzeugt. Daran zu zweifeln konnte es ja aber auch nie einen vernünftigen Grund geben.

Wohl aber sollte unsere kleine Geschichte gezeigt haben: quer zu allen inhaltlichen Divergenzen, was und wie einer glaube, steht der sozusagen formale Gegensatz, ob jemand sich der in Jesus erschienenen Autorität des Glücks unterwirft oder nicht, ob er also, soviel an ihm liegt, durch Verzicht und Nachgeben jenes unbedingt erforderliche Öl in den Weltmotor einbringt, ohne den er heißlaufen muß, kurz: ob er zum Heil der Welt beiträgt oder das höllische Element in ihr stärkt. Hier kann es für die christliche Kirche in der Sache keine Toleranz geben; geht es doch nicht um verschiedene Farben des Heilslichtes, sondern um dieses selbst - oder die Verfinsterung. Vermutlich ließe sich von jeder kirchlichen Unterdrückungsmaßnahme zeigen, daß sie irgendwie - und sei das noch so abkünftig oder irrtümlich - von einem ähnlichen Eifer um die als entscheidend erlebte frohe Botschaft gespeist wurde (und wird), wie er uns vorhin in Kunos Fehlreaktion begegnet ist. Nur wenn die kirchlichen Freiheitskämpfer ihren mächtigen Gegenspielern dieses wichtige Zugeständnis machen, besteht vielleicht Aussicht auf Verständigung. Daß Kuni weder Kurt noch Kuno als unrettbar verblendet aufgebe; das ist die Aufgabe der Kirche.

Und die Hoffnung der Menschheit: allerdings sind oft genug bittere Kämpfe notwendig, um die Unteren den unwilligen Oberen näher zu bringen. "Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert" - auch das hat schon Jesus gesagt, nicht erst Nietzsche oder Che Guevara. Und an vielen Stellen der Erde ist das verdammt wahr. Aber ebenso stünde es wahrlich verdammt um uns, wenn diese Wahrheit schon die ganze wäre. Denn in und nach allen noch so nötigen und erfolgreichen Kämpfen um Gerechtigkeit bliebe die Welt ohne risikobereite Liebe immer noch eine Hölle. Und sofern in der einen Welt nicht einmal die Liebe ohne institutionell gestützten geschichtlichen Zusammenhang auskommt, bleibt der alte Satz, ärgere sich darüber wer mag, dennoch in Kraft: ohne die Kirche kein Heil. Siebenmal wehe aber dem, dessen unerlöster Machttrieb ausgerechnet aus der Macht der Erlösung ekligen Profit saugt.

Als weitere Illustration eine wahre Geschichte: Zu einer sozial sehr rührigen Christengemeinde mitten im ärmsten Sizilien kommt ein kommunistischer Abgeordneter auf Besuch. Er schaut sich alles an und sagt beim Abschied: "An euren Gott könnte ich fast glauben." - "Wieso?" - "Mir hat man immer nur einen herrschenden Gott gezeigt. Hier bin ich zum ersten Mal einem Gott begegnet, der dient."

Eine höchst erbauliche Geschichte fürwahr. Man braucht sich aber nur ihre Fortsetzung auszudenken, um sehr bald bei dem Gott zu sein, der herrscht. Der dienende Gott braucht ja doch Leute, in denen und durch die er dienen kann. Ihnen wird er, einfach weil er das Dienstprogramm leitet, als Herr gegenübertreten. Zunächst gewiß als milder und freundlicher Herr: "Gönnt euch etwas Ruhe" (Mk 6,31)! Aber das Heil der Welt ist ein ernstes Geschäft und verlangt den ganzen Einsatz des dienenden Gottes, also auch seiner Helfer. Wer nicht so mittut wie es sich gehört, der muß mit Liebesentzug rechnen. "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Mt 12,30). So wird (natürlich unter Mitwirkung sehr realer Interessen!) aus dem dienenden nach und nach der herrschende Gott, bis die Leute Gottes ihren Dienst nur mehr in Worten, tatsächlich jedoch die härteste Herrschaft über die Menschen ausüben, und alles im Namen des Evangeliums. Am Ende gehört das Bild des gekreuzigten Christus zur liturgischen Ausstattung christlicher Menschenverbrennungen. Schuld an dieser grausigen Entwicklung war das Vergessen der einfachen Unterscheidung: der dienende Gott will für alle Menschen da sein, aber nicht zwangsweise durch alle, sondern nur durch die Freien, die von Herzen dabei sind (was nicht immer heißt: gern!). Helfen wir einander, solche Menschen zu werden und zu bleiben.

Weil dies kein kirchenpolitischer , sondern ein geistlicher Beitrag sein soll, werden keine praktischen Folgerungen mehr gezogen, sondern dem Leser nur ein paar Denkaufgaben gestellt. Wie ist demnach zu beurteilen
a) die christliche Höllenpredigt und ihre derzeitige Verfemtheit?
b) die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten?

c) die christliche Begründung des staatlichen Abtreibungsverbotes?

d) der Wegfall aller früheren Fastenbräuche?

Frühjahr 1973


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samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

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