Jürgen Kuhlmann

DAS JÜNGSTE GERICHT
UND DIE CHRISTEN

Was vielen Kanzelpredigten schwerlich geglückt wäre, hat das tiefsinnige Fernsehspiel "Gabriel" erreicht: Millionen Zuschauer über das Jüngste Gericht nachdenken zu lassen. Nicht wenige Christen sind wahrscheinlich sogar betroffen gewesen: wie steht es eigentlich mit mir ? Glaube ich überhaupt daran? Und wenn ja, beeinflußt der Glaube an das Gericht mein alltägliches Leben?

In einem Gesprächskreis am Tag nach der Sendung kam auf die letzte Frage auch diese Antwort: "Hoffentlich, nicht. Denn nur aus Angst vor Strafe gut zu sein ist doch eine jämmerliche Einstellung. Da sind mir die anderen lieber , für die mit dem Tod alles aus ist. Ein Glück, daß die Kirche jetzt so wenig Erfolg hat mit ihrer alten Angstschürerei!" - Unter den Nachdenklichen nicht nur der jüngeren Christen ist diese Stimmung weit verbreitet. Für sie sind die folgenden Überlegungen bestimmt. Und zwar fragen wir zuerst, was der Ausdruck "Jüngstes Gericht" bedeute, und dann, ob so etwas tatsächlich zu erwarten sei.

I.

l) Der Glaube an das Weltgericht fordert nicht die Überzeugung von einem irgendwann eintretenden physikalischen Weltuntergang. Sollte das Leben der Menschheit auch unabsehbar lange weiterlaufen (derzeit sieht es nicht danach aus), so ist doch unbestreitbar: meine Welt geht spätestens in einigen Jahrzehnten unter. Für die anderen wird mein Sterbetag irgendeiner sein, objektiv trifft er nur ein winziges Element der Welt. Subjektiv von mir erlebt, ist dieser Jüngste Tag jedoch der Untergang einer ganzen Welt - jener, die in mir ihr bewußtes Leben hat. Die Sonne, von der ich mich dankbar wärmen lasse, der Wind auf meiner Haut, der Wein in meinem Mund und unaufzählbar viel mehr: alles das stürzt dann ins Nichts. Und nicht nur mir geht es so, sondern allen welt- und selbstbewußten Geschöpfen. Deshalb ist, über das Wort vom Tod hinaus, die kirchliche Rede vom Jüngsten Tag wahr und notwendig. Wer sich gegen sie wehrt, sieht wahrscheinlich - einseitig objektivistisch - den Menschen nur als Element "der" Welt, nicht jedoch als aktives Zentrum je seiner Welt.

2) Warum heißt dieser Tag aber "Jüngstes Gericht"? Gehört die Erwartung eines solchen jenseitigen Strafprozesses vor dem allwissenden Richter zum christlichen Glauben? Ist sie nicht eher ein Überbleibsel der altert mythischen Weltsicht, mit dem ein reifer Christ von heute nichts mehr anfangen kann? Jetzt müssen wir uns über eine fundamentale Zweideutigkeit klar werden. Die Wörter Dürfen, Verboten, Gericht, Strafe und dergleichen haben einen völlig verschiedenen Sinn, je nachdem, in welchem der folgenden zwei gegensätzlichen Zusammenhänge sie auftreten: entweder darf der Schwache etwas nicht, weil der Starke es ihm verbietet, oder der Starke darf etwas nicht, weil er sonst dem Schwachen Unrecht täte. Die meisten von uns haben schon als Kinder Gericht und Strafe in jedem dieser beiden Kontexte erlebt: "Hänschen, du darfst nicht naschen. Hänschen, damit spielt man nicht. Hänschen, wart nur, bis der Vater heimkommt!" Hier geht es allein um das Verhältnis zwischen dem Machtlosen und seinem übermächtigen Richter. Ganz anders liegt folgender typischer Fall: "Gretel, warum weinst du?" "Weil Hänsel mich geschlagen hat!" "Hänsel, ist das wahr?" Hänsel schweigt verbissen, auch während er bestraft wird. Hier geht es um das Verhältnis zwischen dem Starken und der Schwachen, mit der sich dann der noch stärkere Richter solidarisiert.

Nun ist zweierlei zuzugeben: erstens erlebt das kleine Kind diesen Gegensatz anfänglich noch nicht als solchen. Wenn Hänsel seine Schwester schlägt, tut er nichts Böses. Erst langsam treten beide Arten von Situationen für das reifende Bewußtsein auseinander. Zweitens ist das Geschehen oft doppelt deutbar. Wenn eine Mutter ihrem zündelnden Kind auf die Finger schlägt, dann läßt sich das auffassen als tyrannische Reaktion der Stärkeren, die ihre Ruhe haben will - aber auch als Vorsichtsmaßnahme derjenigen, die mit dem schwachen Kind solidarisch ist gegen es selbst als starkes: denn im Vergleich zum Streichholz ist es stark; gegenüber dem ausgebrochenen Feuer jedoch wäre es schwach. Oder der Polizist richtet den Parksünder: auch hier sieht der Zusammenhang ganz verschieden aus, je nachdem ob der Autofahrer als schwach gegenüber dem mächtigen Bürokraten erscheint oder als starker Unterdrücker anderer, denen sein Auto die Durchfahrt versperrt.

Obwohl der Gegensatz schwach/stark also weder dem kleinen Kind schon bewußt ist noch in jeder Situation objektiv klar bestimmt werden kann, ist er dennoch entscheidend für unseren Glauben an das Jüngste Gericht. Die Verlängerung der ersten Linie bis in den Himmel ergibt nämlich genau jene heillose Angst vieler bedauernswerter Frommer, die zu Recht als "ecclesiogene Neurose" bezeichnet werden muß. Wenn jemand sich vor Gericht und Hölle fürchtet, weil er gegen ein übermächtiges Tabu verstoßen, etwa beim Zähneputzen vor der Kommunion etwas Wasser geschluckt oder am Freitag Fleisch gegessen hat: dann erlebt der Mensch sich selbst als schwach und Gott als überstark. Solche Religiosität ist - da hat Freud recht - eine Kollektiv-Neurose und hat mit Christentum nichts zu tun. Denn nicht erst moderne linke Theologen, sondern bereits Christus nach Matthäus stellt den gültigen Gerichtsmaßstab mit aller Deutlichkeit klar: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mit getan." Wozu benutzt der mächtige Richter hier seine Stärke? Allein dazu, sich gegen mich, den Starken, mit dem Schwächeren zu solidarisieren.

Das ist aber genau die zweite, nicht neurotische, sondern verantwortliche Weise der Gerichts-Erwartung. Sie steht dem mündigen Menschen gut an. Nicht primär wegen der zu erwartenden "Strafe" - das wäre zwar nicht neurotisch gefühlt, aber doch egoistisch und engherzig, d.h. gerade unreif. Wer die Entwicklungslinie irdischer Strafvollzüge hin zu größerer Milde und Menschlichkeit kennt, sollte nicht ausgerechnet den himmlischen auf dem Stand der Antike lassen! Vielmehr richtet sich diese Furcht in erster Linie darauf, ich könne vielleicht ein solcher sein, daß andere unter mir leiden müssen. Daß sich das , was ich jetzt gegen sie bin, dann mir und allen schonungslos zeigt: das ist der wesentliche Inhalt des Gerichtes. Vor dieser Schande darf und soll ich mich fürchten: formal freilich nicht davor, daß mein Unrecht aufkommt, sondern davor, daß es überhaupt besteht.

Wie verhält sich dieser Unterschied zwischen neurotischer Angst des Schwachen und verantwortlicher Furcht des Starken zu dem überkommenen Gegensatz zwischen sklavischer und keuscher Furcht? Z .B .lesen wir bei Augustinus: "Es gibt eine sklavische Furcht, es gibt auch eine keusche Furcht; es gibt Furcht vor dem Erleiden der Strafe und eine andere Furcht vor dem Verlust der Gerechtigkeit. Jene Furcht vor dem Erleiden der Strafe ist sklavisch. Was ist das schon Großes, die Strafe zu fürchten? Das tut auch der schuftigste Sklave, auch der grausamste Verbrecher. Das ist nichts Großes, die Strafe zu fürchten, aber Großes ist, die Gerechtigkeit zu lieben ... Das ist die keusche Furcht, sie bleibt in Ewigkeit, wird von der Liebe nicht weggenommen, nicht hinausgeworfen, vielmehr umfaßt ... Die ehebrecherische Frau fürchtet, daß ihr Mann kommt, auch die keusche fürchtet: daß ihr Mann fortgeht ..." (In Ev. Joh.43,7).

Dieser schöne Text zeigt zum einen, daß feige Ängstlichkeit nichts typisch Christliches ist. Zum anderen lassen beide "Systemchen" sich leicht zu einem größeren verbinden: drei Weisen von Gerichtsfurcht gilt es zu unterscheiden:
1) Die Angst des Schwachen, Gott könne seine Übermacht terroristisch gegen ihn ausnützen, indem er ihn für Verstöße gegen irgendwelche willkürlichen Gebote ewiglich bestraft. Das ist falsche, unerlöste Religiosität, nichts anderes als eine neurotische Projektion unverarbeiteter Traumata an den Himmel. Wehe der Kirche, daß sie derlei Zwänge allzu oft bestärkt statt geheilt hat; wohl den Christen, die sie - in sich und anderen - mit Mut und Geduld bekämpfen.

2) Die Furcht des Starken, der sich eines Unrechts bewußt ist, vor ewiger Rechenschaft und Strafe. Sie ist nicht krankhaft, vielmehr vernünftig und realistisch. Dabei mißverstehe man den Gegensatz schwach/stark nicht in dem eindimensional ökonomischen Sinn, den eine gewisse Mode uns nahelegt. Es gibt äußerst subtile Weisen von Machtmißbrauch; im großen und ganzen ist die vielverlästerte kirchliche Moral gar nicht so falsch - solange sie nicht aus dem kirchlichen Geist herausfällt. (Wer z .B .hemmungslos onaniert, hat durchaus Anlaß, verantwortliche Gerichtsfurcht zu empfinden, denn das kostet ihn Energien, die seinem Dienst an den auf ihn Angewiesenen dann fehlen. Doch eines ist das feine Gewissen eines spirituell Fortgeschrittenen, ein anderes die unverantwortliche Kirchenpolitik, mit Hilfe selbsterzeugter massiver: Höllenängste über die Menschen zu herrschen.) - Das sind die beiden Unterarten der Sklavenfurcht, von der Augustinus spricht.

3) Was er keusche Furcht nennt, ist wesentlich über den Gegensatz schwach/stark hinaus, nämlich die Besorgnis eines jeden Liebenden, er könnte den Partner zu wenig oder auf falsche Weise lieben. "Castus" läßt sich hier als "partnerschaftlichl" übersetzen. "Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde", sagt Jesus den Seinen. Die so Angesprochenen müssen freilich fürchten daß sie dem hohen Anspruch solcher Freundschaft nicht ganz gerecht werden. Das ist der dritte, partnerschaftliche Kontext von Dürfen und Gerechtigkeit - weit weg sind hier jedoch alle juristischen Kategorien: Gerichtsangst läßt diese Besorgnis sich eigentlich nicht mehr nennen, so sehr sie den Menschen mitunter niederdrücken mag. Wesentlich geht es ihr nicht um Mitmenschlichkeit, sondern um die Gottesliebe (=Selbstverwirklichung!): nicht nur meine Nebenmenschen liebt Gott, sondern auch mich selber, und hat deshalb Wünsche an mich, die einen Außenstehenden nichts angehen. Inhaltlich ist allerdings die Mitmenschlichkeit immer auch das Thema dieser Furcht; ich weiß ja, daß Gott jeden anderen ebenso unendlich liebt wie mich, und will versuchen, mich nach Kräften in diesen Schwung meines Freundes einzuschwingen. Insofern wirkt die "partnerschaftliche Furcht" als die sensible Besorgnis dessen, der zugleich schwach und stark ist: schwach gegen allerlei Triebe und Zwänge; stark gegen Mitmenschen, die er deshalb mehr unterdrückt als er selber weiß. Wer dieses Gefühl gar nicht kennt, dessen Trampelfüße zerstören wahrscheinlich mehr als ihm einmal lieb gewesen sein wird.

4) Diesen drei Arten negativ gestimmter Gerichtserwartung steht gegenüber eine frohe, die sich z.B in der vierten Strophe von "Mein Gott welche Freude" ausspricht: "Er rüstet zum Kampfe, die Glut des Zornes gießt er aus über alles Frevlertum, wenn Gericht gehalten wird." Wie die geschlagene Gretel die Mutter herbeisehnt, so freut sich der Unterdrückte auf das Gericht - freilich nicht aus Rache, um jetzt seinerseits der Starke zu sein und sich an den Qualen der verdammten Peiniger zu weiden. Aber Recht muß Recht bleiben und als Recht sich zeigen , sonst wäre es zum Verzweifeln. Nicht die Person meines Unterdrückers, wohl aber seine Übermacht und deren angemaßtes Recht werden dann vernichtet - und darauf freue ich mich.

Ein kräftiges Symbol mache das gedanklich Entwickelte tiefer erlebbar. Schon im Neuen Testament, eher komisch im erwähnten Fernsehspiel, unvergeßlich erschütternd in Verdis Requiem, ertönt die Posaune des Gerichtes. Was bedeutet ihr heller Klang, welche Stimmung erweckt er in uns ? Sehr verschiedene! Entweder klingt die Trompete wie in jener Szene, da die Signale den armen Don Josť von Carmen weg hin in die Kaserne zwingen wollen bzw., wenn er sich widersetzt, das strengste Gericht androhen. Oder aber es handelt sich um den erlösenden Trompetenstoß im "Fidelio", wo der langersehnte Retter der Unschuld mit seiner Übermacht die Macht des Verbrechers in Ohnmacht verwandelt. Mir scheint: wer die göttliche Trompete als Don Josť hört, leidet an einem neurotischen Irrtum und wir sollen ihm helfen, die Wahrheit zu erfassen: Kasernenkommandant will Gott nicht sein.(l) Wer se als Pizarro hört, leidet an, doch nicht unter der eigenen Bosheit und tut gut daran, zu erschrecken.(2) Wer sie als Florestan oder Leonore hört, leidet unmittelbar oder vermittelt selbst unter der Bosheit anderer und darf sich von Herzen freuen.(4) Wer sie endlich als Rocco hört, leidet an und unter dem Zwang der Verhältnisse, die ihn ohne seine Absicht härter als recht gegen andere sein ließen, und fühlt - wie alle Mitläufer hernach - deren wohlbekanntes Gemisch aus Beklommenheit (2) und Erleichterung (4). Angenommen, Rocco und der Gouverneur wären einander von früher her so etwas wie sympathisch (das einfache Verhältnis Mensch/Mensch war auch im Feudalismus möglich!), dann könnte diese Gefühlsmischung recht genau jene partnerschaftliche Furcht sein, die der Christ gegenüber dem messianischen Richter empfindet .(3)

Während und nach der Reformationszeit gab es um die christliche Bewertung der "sklavischen Furcht" bittere Konfessionsstreitigkeiten. Stellen wir die Frage in einer Form, die auch heutige Eltern nur zu gut kennen: "Ist es vielleicht besser, wenn ich bloß aus Angst in die Kirche gehe als überhaupt nicht?" In der Tat: was ist besser? Eine konkrete Antwort ist nie leicht, die abstrakte schon: es kommt darauf an, was für eine Angst dich in die Kirche treibt. Wenn es bloß die Angst vor dem strengen Herrschervater ist, der keine Widersätzlichkeit duldet (l): dann bleibst du wirklich besser zu Hause (und liest etwa im Galaterbrief, daß Christus uns zur Freiheit befreit hat): Lieber ein Heide, der weiß, daß er einer ist, als ein Christ, der nicht weiß, daß er keiner ist. Vielleicht ist deine Angst aber ganz anders? Vielleicht hast du einmal tief erlebt, daß die kirchliche Botschaft jene Antwort enthält, die du am Suchen bist. Und jetzt will oberflächliche Faulheit dich hindern, diesem Sinn deines Lebens neu zu begegnen. Vor ihr fürchtest du dich - zu Recht. Denn solche Angst (2) ist heilsam; hat sie dich lange genug gezwungen, dann brauchst du sie nicht mehr, wenn nämlich "die vollkommene Liebe die Furcht austreibt" (l Joh 4,l8). - Soviel zur Frage: was heißt Jüngstes Gericht?

II.

Erst jetzt, nachdem die häufigsten Mißverständnisse hoffentlich aufgedeckt sind, können wir uns der eigentlichen Glaubensfrage zuwenden: ob es ein Jüngstes Gericht gebe. Kommen die Unterdrückten einmal zu ihrem Recht, auch die der Vergangenheit , denen keine irdische Hoffnung winkt? Der christliche Glaube sagt: ja. Es gibt nicht nur die einzelnen Momente unseres Lebens, die nacheinander scheinbar ins Nichts versinken. Es gibt auch das Ganze. Wie jetzt die einzelnen Momente bewußt werden, so DANN das Ganze. Es geht mir mit meinem Leben wie dem Maler mit seinem Bild: Erst setzt er geduldig Farbpunkt neben Farbpunkt; dann aber tritt er zurück und sieht das Ergebnis an. Ich bin restlos fertig, sagt Jesus am Kreuz - und Johannes versteht richtig: Es ist vollbracht. Jesu Leben ist gelebt - und so, wie es gelebt worden ist, bleibt es in Ewigkeit: gültig, strahlkräftig, selbstbewußt, hilfreich. Daß diese verewigte Wirklichkeit Jesu in die weiterlaufende Zeit seiner Freunde mannigfach spürbar hereinbricht - sozusagen als einzige ErINNERung, die diesen Namen verdient - heißt Ostern.

Haben die aber nur unrecht, für die nach dem Tod nichts mehr kommt? Keineswegs. In zweierlei Hinsicht scheint mir eine solche Einstellung kirchlicherseits positiv zu bewerten.

l) Wenn das Bild fertig ist, wird nichts mehr dazugemalt. Wohl können auf derselben Leinwand nebenan andere Bilder gemalt werden. Selbst wenn es "drüben" jedoch allerlei parapsychologische Weiterungen geben sollte (wie jüngst ein Bestseller behauptet hat - Ford, Bericht vom Leben nach dem Tode): die können auf keinen Fall bestimmend sein für den Sinn unseres jetzigen Lebens, bilden also gerade nicht den Inhalt christlicher Gerichts- und Ewigkeitserwartung! Ihr geht es nicht um "etwas anderes nachher" , sondern um "dieses hier ewig". Ein Gleichnis, das früheren Jahrhunderten nicht zur Verfügung stand, klärt vieles: Die Oma sagt zum Enkel: "Hör mal, mit meiner Schallplatte stimmt etwas nicht. Kannst du sie nicht richten?" Der Enkel lauscht, und tatsächlich: nur ein leises, häßliches Klirren ist zu vernehmen. Freundlich lachend sagt er: "Ja, Oma, die ist leicht gerichtet. Du hast den Verstärker nicht angeschlossen. Paß auf!" Und plötzlich rauscht die Symphonie voll durch das Zimmer.

Nein. Nicht mit unendlich vielen Rillen rechnet die sich drehende Platte, als die ich mich von Stunde zu Stunde voller spiele. Unfaßbar mehr erwartet sie: daß bei jeder Rille DANN der göttliche Verstärker eingeschaltet wird. Das ist der AUGENBLICK ohne Zwinkern des Gerichtes und des nie endenden ewigen Lebens, zugleich aber: nur und allein des Jetzt! Die Angst, es würden dann von allmächtiger Hand mehr oder weniger schlimme Strafrillen dazugeschnitten, ist heidnisch und endlich am Erlöschen. Wohl aber soll die verantwortliche Furcht, DANN (= JETZT) mißtönend zu sein, mir jetzt schon beim Bemühen helfen, die Rillen möglichst gut zu füllen.

2) Und sogar gegen diese Furcht einerseits, gegen die Vorfreude auf himmlische Erfüllung andererseits darf einer noch mißtrauisch sein, insofern beides uns nämlich davon ablenken kann, recht zu leben. Wenn die Angst vor dem Durchfall oder die Hoffnung auf den Erfolg seiner eben entstehenden Platte den Saxophonisten verwirrt, so daß er die Finger verwechselt, dann hilft nur eines: ganz in der Gegenwart leben, an die innig erhoffte Zukunft trotzdem, nein deshalb, gerade nicht denken, das Mikrophon am besten gar nicht sehen. Insofern hat der verbreitete Zweifel auch vieler Christen an Gericht und Ewigkeit, praktisch gesehen, eine positive Funktion: als Dienst am Ernst des Jetzt. Wenn der Zweifel sich freilich in Leugnung verwandelt, dann kommt es zum Irrtum. In den sollten wir nicht verfallen, aus ihm sich neu aufzuraffen sollte unsere Osterfreude den Menschen immer wieder helfen. Vergessen wir aber nicht: besser kühn spielen in der Meinung, es sei gar kein Mikrophon da, als von ihm gebannt das einzige Lied unseres Lebens ängstlich vertun.

Mai l973


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