Jürgen Kuhlmann

Jocki und der Innenseher
Eine Abenteuergeschichte
für das Kind
im Mann und in der Frau


5


Das verbannte Raumschiff

Ich sage zu Atsy Hör mal, ich ertrage die Ungewißheit nicht länger. Wir müssen herauskriegen, was hinter dieser Tür steckt. Kannst du denn nicht lesen? erwidert sie träge und deutet auf die roten Leuchtbuchstaben. Wenn da Kommandant steht, dann wird schon auch einer drinnen sein. Hast du ihn irgendwann gesehen? Nein. Und sonst jemand? Auch nicht. Er ist halt gern allein. Unsinn. Sechs Wochen allein? Ach, Rimo, sagt sie und gähnt, gib endlich Ruhe. Vielleicht ist er auch zu zweit. Uns kann es doch egal sein, ob er drin ist oder nicht. Solange im Schiff alles funktioniert, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Und jetzt leg ich mich schlafen. Hilfst du mir beim Anschnallen?

Wir stoßen uns ab und schweben nach hinten. Unterwegs drücke ich mir aus der fußballgroßen Plastikorange einen Schluck Limo in den Mund. Atsy grinst. Wie oft haben wir wohl schon dieses Wasser getrunken? So zehn- bis zwanzigmal vermutlich. Übrigens kannst du gern noch deutlicher werden, mir macht das nichts. Das ist allerdings gelogen. Sooft ich das wiederaufbereitete Wasser trinke, schüttelt es mich ein bißchen. An manches gewöhnt man sich eben nur schwer. Am besten denkt man nicht daran, woher die Limo stammt. Übrigens schmeckt sie jedesmal anders, dafür sorgen unsere lieben Freundinnen, die Algen. Ich helfe Atsy, sich auf ihrer Koje anzuschnallen; es ist schon ein blödes Gefühl, wenn man bei der kleinsten Bewegung unweigerlich an die Decke entschwebt. "Bis bald, Rimo," murmelt sie, dreht sich auf die Seite und ist auch schon weg. Ihren Schlaf möchte ich haben.

Auf dem Rückweg zieht mich das rote Leuchtschild wieder in seinen Bann. Mach dir keine Gedanken, scheint es zu sagen, natürlich lebt hier der Kommandant des Condor. Was zweifelst du? Bekommt ihr nicht regelmäßig eure Anweisungen, wie ihr zu steuern habt? Das schon, denke ich leise, aber wenn hinter der Tür bloß ein Automat steckt, was dann? Wenn das Raumschiff gar keinen wirklichen Kapitän hat?

Unschlüssig schwebe ich weiter nach vorne und betrete die Steuerkanzel. Rosa und Freddy sind in das Studium einer Sternkarte vertieft. "Nun, wohin geht die Reise heute?" Freddy weist auf das letzte Stück des langen roten Tintenstriches hin. "Eben eingezeichnet," sagt er. "Aber in der Richtung liegt doch nirgends ein bewohnbarer Planet!" Freddy zuckt bloß mit den Schultern, Rosa reicht mir ein Computerblatt. "Die Anweisungen sind klar," bemerkt sie ruhig, "er will es so." Ich muß mich zusammennehmen, um nicht aufzuschreien. Er, immer er. Wer sagt euch denn, daß es ihn überhaupt gibt? Noch traue ich mich das nicht laut zu sagen, aber in meinem Gesicht zuckt es. Freddy sieht mich lange prüfend an und blickt dann zur Seite. Ob er auch schon zweifelt? "Ich schau mal hinüber zu den Algen," sage ich und setze mich nebenan vor den großen Tank.

In Wirklichkeit will ich nur allein sein, um nachzudenken. Eine verrückte Sache ist das mit diesem Raumschiff Condor. Vor ungefähr sechs Wochen sind wir vier Menschen auf einmal in ihm aufgewacht. Wir hatten keine Erinnerung an früher, wußten nicht einmal, wie wir heißen, so daß wir uns selbst neue Namen geben mußten. Doch fanden wir uns gleich im Schiff zurecht, waren also offenkundig alle vier ausgebildete Astronauten. Zum Glück sprechen wir auch dieselbe Sprache. Als wir zum ersten Mal die Steuerkanzel betraten, begann sogleich der Schnelldrucker zu arbeiten und auf dem Papier erschienen folgende Zeilen:

HIER MELDET SICH DER KOMMANDANT. ICH HEISSE SIE AN BORD DES CONDOR WILLKOMMEN. DIES IST EIN WISSENSCHAFTLICHES EXPERIMENT. FÜR ALLES WAS SIE BRAUCHEN IST GESORGT. BITTE NUR DIE VORGESEHENEN TOILETTEN BENUTZEN. JEDER ROHSTOFF IST KOSTBAR. ALLE SECHS STUNDEN ERHALTEN SIE VON MIR DEN KURS DEN SIE IN DIE KARTE EINTRAGEN UND NACH DEM SIE DEN CONDOR STEUERN. IM ÜBRIGEN STEHT IHRE ZEIT IHNEN FREI ZUR VERFÜGUNG. DIE MIKROTHEK ENTHÄLT ZEHNTAUSENDE DER BESTEN BÜCHER SOWIE ALLE WESENTLICHEN MUSIKWERKE DER MENSCHHEIT. RICHTEN SIE SICH AUF EINE LANGE FAHRT EIN. BEKOMMEN SIE KINDER UND ERKLÄREN SIE IHNEN ALLES. IRGENDEINE GENERATION WIRD ANKOMMEN. GLÜCKLICHE REISE.

Das war alles. Seither hat der Kommandant außer den regelmäßigen Kursdurchgaben nichts mehr verlauten lassen. "Wie steht unser Korn?" Freddy hat die Tür leise hinter sich geschlossen und wirft sich in den Sessel neben mir. "Schau selber nach; ich habe andere Sorgen." "Habe ich gemerkt. Der Kommandant ist dir nicht recht geheuer, fürchte ich." Schlagartig bin ich hellwach. "Zweifelst du auch?" flüstere ich. Lange rührt Freddy sich nicht. Dann, fast unmerklich, nickt er. Ich gebe mir einen Ruck, schaue ihm in die Augen und frage so ruhig ich kann: "Was tun wir?" "Ich denke, wir gehen der Sache auf den Grund." "Wann?" "Jetzt gleich. Aber vorher sagen wir den Frauen Bescheid. Am besten holst du Atsy nach vorn."

Na warte, sage ich vor der versperrten Tür, jetzt kommen wir deinem Geheimnis auf die Schliche. Das Herz klopft mir bis zum Hals. Dann stehe ich vor Atsys Koje. Atsy! Wer würde darauf kommen, daß dieser kesse Name die Abkürzung von Atomsystem ist? Und daß ich Riesenmolekül heiße? Ja, auch neue Namen kann eine folgerichtig angewandte Naturwissenschaft hervorbringen, nicht bloß neue Bomben und Maschinen!

Schön und friedlich liegt meine Atsy da. Ich wecke sie nicht gern auf, aber schließlich hat sie sich in den letzten Wochen mehr als genug ausruhen dürfen und das Problem des Kommandanten geht jetzt vor. Behutsam löse ich die Gurtschnallen, ziehe Atsy kurz an der Nase und schaue zu, wie sie zugleich noch schläft und schon aufsteht. Das sieht immer so lustig aus, daß man es einer Erdratte gar nicht beschreiben kann.

Eine Viertelstunde später - Atsy mußte sich natürlich erst frisch frisieren - sitzen wir alle in der Steuerkanzel beisammen und beraten. Erst haben die Frauen Angst, doch bald haben Freddy und ich sie überzeugt. Wenn er wirklich drin sein sollte, würde der Kommandant uns schon verstehen. Vielleicht war das sogar der Sinn des Experiments? Was weiß unsereins von den ausgefallenen Ideen der Wissenschaftler! Ist aber nur ein Automat hinter der Tür - nun, dann hätten wir wenigstens Klarheit. "Kinder, ich koche uns einen feinen Algenbrei, extra stark," sagt Rosa und schwebt zur Küche. Derweil machen Freddy und ich uns auf die Werkzeugsuche. Im Geräteraum müßte ein Beil sein. Wir finden es, dazu zwei Brecheisen und einen schweren Hammer. "Bequemer ginge es natürlich mit dem Strahlenwerfer," meine ich, "aber wer weiß, was der außer der Tür noch alles zerschmilzt."

Freddy ist derselben Meinung. Der Algenbrei ist extra kräftig und besonders gräßlich. Erst mit Unmengen Geschmackszucker bestreut wird er halbwegs genießbar. Mein Teller ist noch dreiviertel voll, da springe ich auf. "Ich kann jetzt nicht in Ruhe essen. Laßt das Zeug stehen, es läuft uns nicht davon." Freddy läßt sich, wie üblich, nicht aus der Ruhe bringen. "Knistert es in unserem Riesenmoleköl wieder vor inneren Spannungen?" spöttelt er, während ich nervös hin und her gehe. "Wie wäre es mit einem großen Schluck köstlichster Algen-Limo?" "Gib mir einen Strohhalm," erwidere ich gereizt, "und ich blase sie dir hinten hinein." Die Damen kichern, Freddy verschluckt sich beinahe. "Aber, aber," schüttelt er seinen Kopf, "willst du in dieser Sprache auch mit dem Kommandanten verhandeln?" "Ich fürchte, der versteht überhaupt keine Sprache. Also, ich schwebe schon voraus."

Neben dem roten Schild griffbereit an der Wand liegen die Werkzeuge - so, wie wir sie vorhin hingedrückt haben. Nach einigen Wochen Raum kann man sich kaum vorstellen, daß auf der Erde alles nach unten fällt. Hier gibt es kein Oben und kein Unten. Wenn zwei sich auf dem Gang begegnen, kommt es zuweilen vor, daß der eine mit dem Kopf an den Füßen des andern vorbeischwebt. Am bequemsten schwebt es sich allerdings der Länge nach, Arme und Kopf voraus. Man stößt sich ganz einfach mit den Füßen ab und taucht bis zum Ziel, wo Griffe an der Decke ein elegantes Abstoppen ermöglichen.

Endlich kommen die drei. Wir stellen uns nebeneinander vor der Tür auf und Freddy klopft an. Keine Antwort. Ich klopfe lauter. Nichts rührt sich. Atsy ruft: "Herr Kommandant!" Drin bleibt alles still. Da schreie ich: "Machen Sie auf, oder wir erbrechen die Tür." "Und dann deinen Brei, dir ins Gesicht," brummt Freddy. Wir schauen einander an. Dann nehme ich das Brecheisen und Freddy das Beil. Zum Glück ist die Tür aus Holz, wenige Schläge und sie splittert. Freddy voraus, drängen wir uns alle vier durch das Loch. Der Raum ist leer.

"Euer Verdacht stimmt. Es gibt keinen Kommandanten." Wo kommt die Stimme her? Aufgeregt zeigt Rosa auf den Lautsprecher oben links in der Ecke. Die gesamte Rückwand des Zimmers wird von einem weinrot verkleideten Schrank eingenommen. Freddy öffnet seine linke Tür: gleichmäßig drehen sich die Spulen eines Tonbands. Im seelenlosen Leierton fährt die Stimme fort: "Ihr seid allein im Weltraum, ohne Kontakt nach außen. An Bord gibt es kein Funkgerät. Euer Schiff befindet sich auf einer Sonnenumlaufbahn zwischen Erde und Mars. Für Kurskorrekturen habt ihr genügend Energievorrat, nicht jedoch für eine weiche Landung auf der Erde oder sonst einem Planeten. Wenn ihr geschickt vorausplant, könnt ihr jeden Zusammenstoß mit größeren Himmelskörpern vermeiden; gegen Minimeteore ist der Condor durch einen Schirm geschützt. Vor dem Start wurde die Außenhaut atomar verschweißt, ihr könnt also weder Sauerstoff noch sonst etwas verlieren. Der Atmungs- und Nahrungskreislauf ist großzügig geplant; die verbrauchte Luft und eure Ausscheidungen werden von den Algen wieder in Atemluft und nahrhafte Kost zurückverwandelt; bei sparsamem Verbrauch können bis zu dreißig Menschen im Raumschiff leben. Leichen kommen in den Auflösetank. Bei euch und euren Nachkommen steht die Entscheidung, wie lange es Leben an Bord des Condor gibt. Das herauszufinden ist der Sinn des Experiments. Wird es Wochen dauern, oder Jahrtausende? Darüber habt ihr allein zu bestimmen, und ihr seid auch die einzigen, die es erfahren werden. Lebt wohl! Es lebe die Wissenschaft!"

Ein Knacks, und die Spulen stehen still. Keiner sagt ein Wort. Dann spüre ich auf einmal etwas Nasses im Gesicht, schluchzend hängt Atsy mir am Hals. Doch Freddys Humor ist ebenso umwerfend wie die Botschaft des Bandes: "Das wäre ein fetter Happen für Amnesty International," sagt er und schnalzt genüßlich mit der Zunge, "unendlich viele Jahre Gefängnis, Kinder, Enkel und Urenkel eingeschlossen. Nur schade, daß dieses Zuchthaus überhaupt keine Türen hat." Da heult auch Rosa los. Stockend sage ich: "Aber da muß doch irgendwo ein Irrtum sein, Freddy. So etwas können die doch nicht machen." "Die? Ha, ha, ha." Noch nie habe ich einen Menschen so höhnisch lachen hören. "Du siehst ja, daß sie es können. Ob sie es auch dürfen, danach haben sie noch nie gefragt. Vielleicht haben wir in unserem früheren Leben etwas angestellt, vielleicht auch nicht. Denen ist das gleich. Wenn nur die Wissenschaft fortschreitet, kann die Menschheit ruhig kaputtgehen dabei." Ich kann ihm nicht widersprechen; außerdem kommt mir eben eine erlösende Frage. Macht sich vielleicht bloß jemand einen dreckigen Spaß mit uns? Warum hat das Tonband sich denn gerade in dem Moment eingeschaltet, als wir ins Zimer kamen? Steckt irgenwo in dem Schrank doch ein Mensch? Ich löse mich von Atsy und reiße wild alle Türen auf. Umsonst. Dahinter befindet sich nichts als ein Coumputer. Nach weiterem Suchen fällt mein Blick auf die Fotozelle in Knöchelhöhe und das Rätsel des Tonbands ist gelöst. Sobald Freddys Fuß den Lichtstrahl unterbrach, schaltete das Band sich ein. Das ist alles schon vor dem Start so eingestellt worden. Niemand ist bei uns, wir sind verloren.

Aber sind wir das wirklich? Seit ich Freddy kenne, beneide ich ihn um seinen Humor; jetzt kann ich einmal zeigen, daß ich auch welchen habe. Und so sage ich trocken: "Vielleicht haben wir Glück gehabt. Wer weiß, was auf der Erde noch alles passiert! Wenn sie sich dort gegenseitig umgebracht und alles radioaktiv verseucht haben, kann sein, daß die Condorianer dann einmal die einzigen Menschen sind." Offenbar habe ich doch nicht den rechten Ton getroffen, Atsy und Rosa weinen eher lauter als leiser weiter und Freddy schaut nicht sehr heiter drein. Es ist immer dasselbe mit diesen Humoristen: wehe, man lacht nicht über ihre Witze; wenn sie aber einmal selber lachen sollen, sind sie die ernstesten Leute der Welt. Der Welt! Jetzt möchte ich am liebsten auch zu heulen anfangen; vier Personen zählt unsere Welt derzeit und mehr als dreißig wird sie nie umfassen. Langsam wird mir klar, wie fürchterlich es um uns steht. Ich nehme Atsy sanft bei der Hand und wir schweben los. Beim Bremsen vor ihrer Tür lösen sich ein paar Tränen und schweben allein weiter.

Stunden später. Vier Verstoßene, sitzen wir vorne beisammen. Der kalte Glanz Tausender von Sternen glitzert durch die dicken Fenster herein, kann uns aber nicht trösten. Viele von ihnen sind schon längst erloschen, obwohl ihr Schein uns eben erst erreicht. "Condor," sinniert Freddy, "ein passender Name. Findet ihr nicht? In einem Geier sitzen wir! Noch komme ich mir ganz lebendig vor und trotzdem, seien wir ehrlich, sind wir schon so gut wie Aas." "Nein!" blitzt Rosa ihn an. "Jetzt leben wir. Und später leben unsere Kinder. Ich fühle mich gar nicht wie Aas. Geht es denen auf der Erde denn anders? Sie wissen doch auch, daß sie sterben müssen. Wenn du recht hättest, wäre die ganze Erde ein Geier." "Ist sie ja auch. Bloß merkt man es dort unten nicht so leicht. Die Ablenkungen sind zu viele." "Schluß mit dem Pessimismus!" sage ich, "hier geht es uns lausig. Aber die Erde ist, trotz allem, im ganzen eine feine Sache." "Gewesen" - Atsy hat die traurigste Stimme von uns vieren. Restlos gebrochen sitzt sie da. "Nicht bloß gewesen, Atsy," versucht Rosa sie zu trösten. "Schau, wir erinnern uns an so viel Schönes. Und unseren Kindern werden wir davon erzählen. Und die wieder den ihren. Solange Menschen im Condor leben, gibt es auch hier irgendwo die Erde." "Ich will hier kein Kind haben." Ganz leise hat Atsy gesprochen, und mich dabei mit großen Augen angeschaut. "Warum nicht?" will Freddy wissen. "Weil es keinen Sinn hat und weil man niemanden ein solches Leben zumuten darf. Wir haben wenigstens unsere Erinnerungen. Und wenn wir die Augen schließen, können wir träumen. Von einer Frühlingswiese oder einem Bad im Meer oder einem Schaufensterbummel. Und das ist fast so, wie wenn du drunten in deinem Bett liegst und von so etwas träumst. Aber unsere Kinder? Die hätten weder Erinnerungen noch Hoffnung. Bloß jeden Tag ein bißchen Algenbrei und dasselbe fade Wasser zum tausendsten Mal. Nein! So ein Leben ist sinnlos, da schmeiß ich mein Kind nicht hinein."

"Was euch zwei betrifft, wäre demnach das Experiment bald zu Ende," sagt Freddy. "Das heißt, wenn Rimo dich nicht noch rumkriegt." "Ich? Keine Sorge. Ich denke genau so wie Atsy. Oder hättest du in einem verschollenen Gefängnis zur Welt kommen wollen? Was meinst du, Rosa? Wünschst du dir ein Kind?" "Ja. Lieber schlecht leben als gar nicht. Mein Kind wird vieles nicht haben, was die ärmsten Erdenkinder für selbstverständlich halten, allerdings. Seine ganze Welt wird ein enger Gang und ein paar muffige Räume sein. Aber es wird uns anschauen und mit uns sprechen können. Es wird fragen und denken. Es wird die Sterne sehen. Es wird einfach wissen, daß es da ist. Wie wir heute. Deshalb soll es leben. Und wenn ihr nicht so feig wäret, würde es eines Tages vielleicht sogar heiraten und selbst Kinder haben können." Freddy nickt. "Wie wir vorhin schon festgestellt haben, besteht kein unendlicher Unterschied zwischen dort unten und hier. Das Raumschiff Erde ist eine Viertelmillion mal länger und viel besser ausgestattet als der Condor, das ist alles. Wenn unser zielloses Einerlei hier sinnlos ist, dann ist es das irdische Leben genau so. Kennt ihr die Geschichte von dem Engländer, der sich eines Tages an seinen Hosenträgern aufhing, weil es ihm zu langweilig geworden war, sich jeden Morgen an- und jeden Abend wieder auszuziehen? Seht ihr, der hatte die gleiche Ansicht wie ihr. Wenn ihr euren Kindern das Leben nicht gönnt, warum habt ihr es bisher behalten?"

Entsetzt erkenne ich; er hat recht. Und denke laut weiter: "Ja, da dreht sich die Erde seit Milliarden Jahren. Wozu? Das weiß niemand. Irgendwann klumpen sich ein paar fette Moleküle zusammen und werden eine stabile Zelle, die geht nicht mehr kaputt, sondern teilt und vermehrt sich und wird dabei immer komplizierter. Das nennt man Leben. Wozu ist es gut? Zu nichts. Später verwandeln Eichhörnchen sich in Affen und Affen in Menschen. Warum? Es ist halt so. Einen Sinn hat es nicht. Diese Menschen werden erzeugt, geboren, leben sich müde und eines Tages lösen sie sich wieder in einfache Moleküle auf. Und irgendwann werden sie den ganzen Planeten unbewohnbar machen oder aber, wenn er von selbst zu heiß oder zu kalt geworden ist, stirbt alles Leben wieder aus und weiter dreht sich die Erde, bloß daß auf ihr niemand mehr fragt: wozu. Ja wirklich, Freddy, es ist gar kein großer Unterschied zwischen dort und hier. Was meinst du, Atsy, sollen wir es trotzdem versuchen? Vielleicht lohnt es sich doch, als Condorianer geboren zu werden?" "Nein. Ich will keine Kinder. Hier nicht. Und nach dem, was ihr jetzt gesagt habt, möchte ich auch drunten keines haben. Wenn das Leben sinnlos ist, will ich es nicht weitergeben. Und weiterführen auch nicht! Wenn niemand von meinem Leben weiß, wozu es gut ist, dann mag ich überhaupt nichts mehr von ihm wissen. Von jetzt an esse ich keinen Bissen mehr. Atsy verzichtet auf ihre zweite Silbe. Sollen meine Atome wieder ohne System sehen, wie sie zurecht kommen."

Darauf sind die beiden anderen still. Und ich, was soll ich sagen? Plötzlich sehe ich die Zukunft klar vor mir: Tag für Tag älter werden, ohne Atsy, ohne Sinn und Ziel. Zuweilen kommen Rosas bleiche Kinder und fragen mich, was das Ganze soll. Gar nichts, muß ich ihnen sagen. Sie haben nichts zu tun und nichts zu erwarten, als denselben Algenbrei wieder und wieder zu essen und denselben Staub wieder und wieder zusammenzukehren, damit dem Rohstoffkreislauf nichts auskommt. Bis dann eines Tages das, was von mir übrigbleibt, in den Auflösungstank gesteckt wird. Wozu dann der Umweg von 10 oder 20 oder 40 Jahren? Da drücke ich Atsys Hand und nicke ihr zu. "Du hast recht. Auch das Riesenmolekül hat beschlossen, sich in seine Atome zu zerlegen. Ich faste mit." Freddy macht Rosa ein Zeichen und sie verlassen den Raum. Stumm blicken Atsy und ich in die Sternenpracht hinaus. Ohne den Schatten eines Zweifels wissen wir, daß sie kalt und feindlich ist. Überall ein sinnloses Wirbeln von Atomen und Sternen. Sonst gibt es nichts. Im ganzen Weltall: nichts. Plötzlich habe ich Hunger. Schon will ich aufstehen, da sehe ich Atsys entschlossenes Gesicht und bleibe sitzen. Jawohl, Rimo verzichtet auf seine erste Silbe. Ziellos fällt der Condor weiter durch die Leere. Mit 17 km pro Sekunde.

Ein Knacks. Wo bin ich? Sternlose Finsternis ringsum. Kunststück, ich habe ja die Augen zu. Ach so! "Na, wie kommst du dir vor als Rimo? So eine rassige Atsy wäre nicht schlecht, was?" Jocki antwortet nicht. Mit großen Augen schaut er zum Fenster hinaus auf Bäume und Häuser, nimmt den Helm ab, geht zum Fenster, öffnet es, lehnt sich hinaus und verkostet mit seinem Gesicht den lauen Frühlingswind. Lange. Dann fragt er Friedrich: "Von wem stammt das Band? Wer hat es vollgedacht?"

"Ein albanischer Ingenieur. Mein Vater ist ihm auf einem wissenschaftlichen Kongreß begegnet. Einmal saßen sie beim Abendessen nebeneinander, und mein Vater erzählte auch von dem Innenseher. Da ist der andere ganz blaß geworden und hat gesagt: Sie könnten mir helfen. Aber wart, bei dem Band ist der Brief, den mein Vater uns damals geschrieben hat. Moment, hier geht es weiter." Direkt komisch, daß der Brief bloß blau geschrieben ist, denkt Jocki und liest:

Wieso, habe ich ihn natürlich gefragt. Und er: das sei eine seltsame Geschichte. Seit einigen Monaten habe er öfters einen komplizierten Traum. Meistens am Sonntag kurz vor dem Aufwachen. Irgendwie habe er das Gefühl, es handle sich um einen äußerst wichtigen Traum, immer um denselben. Aber nie könne er sich erinnern, kurz nach dem Aufwachen sei alles schon weg. Er wisse nur, daß es mit einem Raumschiff zu tun habe. Es liege ihm sehr daran, den Inhalt dieses Traums genau zu erfahren - mit dem Innenseher sei das doch eine Kleinigkeit. Selbstverständlich tut man einem Kollegen einen solchen Gefallen. Ich habe ihn also für dieses Wochenende eingeladen; richtet bitte das Gästezimmer her. Und Friedrich soll über das technische Problem nachdenken: wie läßt sich kurz vor dem Erwachen ein Traum aufnehmen, wenn der Betreffende acht Stunden schläft und das längste Band eine Spieldauer von zwei Stunden hat? Also dann bis Samstag! Herzlich euer Vater.

Jocki gibt den Brief zurück und sagt: "Das geht doch gar nicht. Wenn das Band nur zwei Stunden läuft und man schaltet es vor dem Einschlafen ein, dann ist es schon längst abgespult, wenn der Traum anfängt. Schaltet man es aber erst später ein, dann wacht der Mann dabei vielleicht auf und wer weiß, ob der Traum überhaupt kommt." "Hast du noch nie von einer Schaltuhr gehört? Ich war sehr stolz, daß ich diese Lösung damals gleich gefunden habe. Man stellt die Uhr auf 1 Stunden vor dem Aufwachen, genau dann schaltet sie das Band ein und alles klappt." "Wenn der Mann aber ausnahmsweise einmal kürzer oder länger schläft? Bei der Aufregung kann das doch leicht passieren. Und wie konnte er überhaupt schlafen, mit dem Helm auf dem Kopf?" "Er hat im Sitzen geschlafen, in einem bequemen Sessel, aber sonst hast du recht. Diesmal bist du schlauer gewesen als ich. Wie die beiden nämlich am Samstag gekommen sind, hat mein Vater mich gleich gefragt, ob ich die Aufgabe gelöst hätte. Auf meine Idee mit der Schaltuhr hat er aber das gleiche wie du geantwortet. So geht es nicht, hat er gemeint. Der Albaner und er haben dann ein Endlosband gebastelt, wo das Ende mit dem Anfang zusammengeklebt war." "Klar, das ist die Lösung. So läuft es ununterbrochen und die letzten zwei Stunden sind auf jeden Fall drauf. Hat dem Albaner sein Traum denn gefallen?" "Das soll er dir selber sagen. Ein paar Monate später hat er meinem Vater einen Tonbandbrief geschickt." Ein Tastendruck, und eine angenehme Stimme mit ungewöhnlichem Akzent füllt den Raum:

"Lieber Herr Weiß, nochmals vielen herzlichen Dank für Ihre Freundlichkeit. Ich habe lange über meinen Traum nachgedacht und verstehe allmählich, was er bedeutet. Wie Sie wissen, ist Albanien der erste ganz und gar gottlose Staat. Die Kinder dürfen nichts über Religion erfahren. Im Jahr 1973 ist sogar ein Priester zum Tod verurteilt und erschossen worden - nur weil er ein Kind getauft hat! So ernst nimmt man es bei uns mit dem Kampf gegen den Aberglauben. Auch mir war das Wort Gott lange so gut wie unbekannt. Ich wußte wohl, daß es in anderen Ländern Menschen gibt, die an ihn glauben, aber das wunderte micht nicht. Schließlich gibt es am Amazonas noch Steinzeitmenschen, die nackt in den Wäldern leben. Und Eichhörnchen und Affen gibt es ebenfalls. Zu diesen überwundenen Etappen unserer Entwicklung rechnete ich auch die Frommen. Von all denen stammen wir ab und haben es doch weiter gebracht als sie. Daß man jenen Priester erschossen hat, war mir nicht recht - auch die Steinzeitmenschen würde ich gegen ihre ausbeuterischen Mörder verteidigen: auch vergangene Lebensformen haben ein Recht, da zu sein. Aber ich hätte ihm nicht erlaubt, etwa meine Kinder zu seinem rückschrittlichen Aberglauben zu verführen, ebenso wenig, wie ich sie im brasilianischen Urwald aussetzen würde. Ich war ein aufgeklärter Techniker und glaubte an nichts anderes als an die Materie und die Wissenschaft.

Bis ich auf einmal zu fragen anfing: was soll das Ganze? Wenn wir nichts weiter sind als zufällige Atomkombinationen - wozu leben wir dann? Wenn niemand einen Überblick über das Ganze hat, wenn das Raumschiff Erde sozusagen ohne Pilot und steuerlos durch das All fegt, ritsch ratsch ohne Ende um die Sonne herum, und mit ihr ins Bodenlose fällt - was hat dann mein Leben für einen Sinn? Ich fing an, nachts zu den Sternen hinaufzuschauen und mich zu fragen: gibt es vielleicht doch mehr als ich sehen kann? Lebt etwa in einer unsichtbaren Dimension jemand, der sich auskennt? Bei einer Auslandsreise geriet ich einmal aus Neugier in eine Kirche und erinnere mich noch heute, wie es mich elektrisiert hat, als plötzlich die ganze Kirche "Vater unser im Himmel" zu singen anfing. Freilich wußte ich, daß es im Himmel keinen Vater gibt, nur Sterne, Staub und Leere - aber wer sagte mir denn, daß alles Wirkliche in jenen vier Dimensionen gefangen ist, die unsere Wissenschaft kennt? Ist vielleicht unser menschlicher Verstand so etwas wie ein altmodisches Radio, das nur den Salat des Mittelwellenbereiches empfangen kann? Und haben die Frommen dazu vielleicht noch eine UKW-Taste, mit deren Hilfe sie die Stimme des Herrn der Welt hören können und seine klaren Worte verstehen? Sind etwa gar wir von gestern und die Frommen modern? Ich kannte mich nicht mehr aus.

Und dann kam dieser Traum, wieder und wieder. Obwohl ich ihn immer sogleich vergessen hatte, machte er mir Unruhe. Jetzt weiß ich, daß es ein Angsttraum gewesen ist. Mein tiefstes Ich hat sich gefürchtet vor der schrecklichen Sinnlosigkeit. Aber, lieber Herr Weiß, dank den langen Gesprächen mit Ihnen ist meine Angst jetzt vorbei. In allen Monaten seither ist der Traum nicht wiedergekommen. Im Gegenteil: jetzt stelle ich mir manchmal wachend vor, daß ich wieder Rimo und mit Atsy im Condor bin.

Wenn wir aber jetzt an die Tür klopfen, antwortet eine Stimme: Herein. Nein, es ist nicht eigentlich eine Stimme, eher wie ein machtvoller Chor aus vielen Stimmen, dunklen und hellen, die aber doch wie eine große Stimme klingen. Wir treten ein und da ist der Kommandant. Ich könnte auch sagen: die Kommandantin, denn die Leitung unseres Raumschiffs ist ebenso Mutter wie Vater. Oder ich könnte sagen, und das kommt der Wahrheit noch näher: die Kommandanten. Denn aus Deinen Augen, Gott, schauen mich alle an, die mich je gemocht haben. Da ist mein Großvater und meine zwei Großmütter, so verschieden beide, aber sie haben mich geliebt und so sind auch sie jetzt Du, mein Gott. Herr Weiß, Ihnen ist das bestimmt schon lange klar, aber auch ich habe es jetzt begriffen: Es gibt überhaupt keine Toten. Meine Toten leben in Gott, das heißt: sie sind für mich Gott. Seit mich dieser Blitz getroffen hat, kann ich wieder beten. Ich bete zu meinen Toten, zu den paar Menschen (mehr als meine Finger brauche ich ja nicht, sie zu zählen), die mich, wirklich mich geringes Wesen, herzlich geliebt haben und von da aus, wo sie jetzt sind, mich erst recht lieben: als Gott. Deshalbe fürchte ich mich nicht. Mit den Gesichtern meiner Lieben also lacht Gott-Göttin uns an, Atsy und mich, und sagt:

Ich freue mich, daß ihr endlich den Mut gefunden habt, mich aufzusuchen. Wißt ihr, wo wir hinfliegen? Zu mir nach Hause. Genügt euch diese Auskunft oder wollt ihr Genaueres wissen? Es genügt uns, sagt Atsy und verneigt sich. Ich schaue sie an: so schön war sie noch nie. "Der" Kommandant legt unsere Hände ineinander und sagt: seid glücklich und habt Kinder. Die Reise zu mir ist so wunderbar, daß ihr sie vielen gönnen sollt. Ja, Herr, sagen wir beide; mit "Herr" meinen wir aber keinen fremden Chef, sondern dieses unbeschreiblich liebevolle Gesicht aus allen Gesichtern, auch unseren eigenen. So ähnlich würden, wenn sie reden könnten, in mir vielleicht eine Backenzelle, ein Stück Nasenhaut und ein Wimpernhaar zu meinem Gesicht "Herr" sagen, ohne dummes Unterlegenheitsgefühl, frei und gleichberechtigt mit dabei in der organischen Demokratie.

Und dann mache ich die Augen auf, bin nicht mehr Rimo, sondern wieder ein albanischer Ingenieur. Um mich herum sehe ich Frau und Kinder, alles scheint alltäglich - doch weiß ich, alles ist ganz anders. Wir sind unterwegs nach Hause. Und ich bin so glücklich, daß meine Frau mich erstaunt fragt, was denn nur los sei. Ob ich vielleicht einen Parteiorden bekommen hätte oder eine neue Erfindung gemacht. Finden ist wichtiger als erfinden, sage ich dann geheimnisvoll... Denn natürlich muß ich vorsichtig sein. Gerade jetzt möchte ich nicht gern wegen religiöser Propaganda erschossen werden, wo alles so strahlend neu und herrlich ist in meinem Leben. Meinen Kindern werde ich davon erzählen, womöglich aber ohne das Wort Gott, damit die Partei nicht merkt, worum es geht. Leben Sie wohl und beten wir für einander." Das Band ist zu Ende. Friedrich dreht es um und sie hören albanische Volksmusik. Dabei fangen sie ihre Hausaufgaben an.

Zwischendurch bringt Annemarie ihnen ein paar Butterbrote mit Schnittlauch. Die liegen auf zwei Brettchen, einem gelben und einem roten. Was steht denn da drauf? Jocki liest: "Das gelbe Tischgebet. - Aha, das kenne ich. Laß mal dein Brett sehen." - "Einen Moment, gleich bin ich fertig. Da!" - Und Jocki liest:

"Das knallrote Tischgebet.

Vor dem Essen

Wir wollen jetzt beim fröhlichen Essen
die vielen Menschen nicht vergessen,
die für uns alle diese Gaben
durch ihre Arbeit so gut gemacht haben.
Habe auch ich das Meine vollbracht?
Oder nur faul an mich selber gedacht? - - -
Doch vor dem, was vorbei ist, soll keiner erschrecken!
Wir gehören zusammen. Drum laßt es euch schmecken!

"Amen," mampft Jocki, "das Gebet gefällt mir. Aber wieso heißt es knallrot?" "Weil es auch ein hellrotes gibt." "Aha. Und warum nicht knallgelb und knallblau?" "Das habe ich natürlich auch schon gefragt. Und was hat mein Vater geantwortet? Warum ich bloß zehn Finger hätte, und nicht zwölf, hat er dagegengefragt! Es ist halt so, wie es ist, weil es eben so geworden ist. Es könnte auch anders sein. Genau genommen, gibt es bei Gelb und Blau denselben Unterschied wie zwischen Knallrot und Hellrot; der soll aber schwerer zu sehen und einem Kind nicht zu erklären sein. Deshalb haben meine Eltern ihn bei den anderen Gebeten weggelassen. Vielleicht holen du und ich das Versäumte später ja einmal nach?" "Hm," brummt Jocki nur, dreht das Brettchen um und liest:
Nach dem Essen

Wir sind neu gestärkt durch Essen und Lachen
und versprechen, uns weiter Freude zu machen.
Ich juble, weil ich die Mitte bin:
auch in mir hat die große Welt ihren Sinn.
Und jeder andre gilt uns darin gleich:
auch der Ärmste ist Bürger im Menschheitsreich.
An ihm sollt ihr bauen voll Phantasie,
mal Mitte, mal Rand. Aber langweilt euch nie!

Wie sie mit den Hausaufgaben fertig sind, geht Jocki nach Hause. Wie vor einer Woche hat er auch heute wieder viel nachzudenken. Gibt es also Gott oder gibt es ihn nicht? So oder so scheint es nichts zu sein mit dem Leben. Entweder ist da ein Allmächtiger über dir, der alles weiß und gegen den du dich nicht wehren kannst, dann ist die Geschichte von dem Grafen die Wahrheit. Oder es gibt keinen Allmächtigen, alles ist bloß eine Kette von sinnlosen Zufällen. Die eine Geschichte ist aber so scheußlich wie die andere. Der fromme Pius ist im Irrenhaus gelandet und verflucht den Grafen. Der unfromme Rimo verflucht sein Raumschiff ohne Kommandant. Kann der Mensch mit Gott nicht glücklich sein und ohne ihn auch nicht? Und ganz abgesehen vom Glück: wie ist es denn wirklich? Gibt es jetzt Gott oder nicht? Plötzlich erinnert er sich wieder an die Schulpause vor 14 Tagen, wie Ludwig und Peter sich stritten, und wie Friedrich sagte: ihr habt beide recht. Und Jocki fängt an, das zu begreifen. Natürlich: Ludwig sagt, daß es keinen Gott gibt, und er hat recht, weil es so jemanden wie den Grafen nicht geben darf. Mag er sich tausendmal gnädig und freundlich nennen: darauf kommt es nicht an. Daß er allmächtig ist und ich nicht, das ist das Furchtbare. Wenn er mir über ist, kann ich nicht frei sein. Peter dagegen sagt, daß es einen Gott gibt, und auch er hat recht, weil die Erde kein Raumschiff ohne Ziel sein darf. Mag sie tausendmal groß und reich ausgestattet scheinen, darauf kommt es nicht an. Das Ganze wäre trotzdem sinnlos, das ist das Furchtbare. Wenn niemand sich auskennt, kann ich nicht glücklich sein. Ja, es sieht tatsächlich so aus, als ob jeder recht und unrecht zugleich hat. Alles dreht sich in Jockis Kopf. So kann man doch nicht denken. Und erst recht nicht leben.

Kein Wunder, daß er nachts wieder einen verrückten Traum hat. Er steht vor dem Grafen auf der Terrasse. "Befördert ihn ins Nichts!", kommandiert der Graf, und schon schleppen zwei Wächter ihn zu der Falltür. Unten brüllen erwartungsvoll die Löwen. Füße voraus, wird er in den Schacht hineingestoßen. Aber seltsam: Er saust an den Löwen vorbei weiter in die Tiefe, schneller und immer schneller. Die Wände des Schachts sind aus Glas. Auf der anderen Seite ist es zuerst finster, dann wird es langsam rötlich und am Ende so hell, daß er vor Schmerz die Augen schließen muß. Jetzt bin ich im Mittelpunkt der Erde, vermutet er; und richtig, nach einiger Zeit läßt das Gleißen nach, er kann die Augen öffnen und sieht nur mehr ein rotes Leuchten, das immer schwächer wird und endlich in Dunkelheit übergeht. Jetzt müßte ich bald am anderen Ende herauskommen. Da sieht er vor seinen Füßen, wo zuerst unten war und jetzt oben ist, einen hellen Fleck, der zusehenst größer wird, und schwupp, sitzt er in einer Art Flugzeugsessel, Schnallen schließen sich, eine Sauerstoffmakse senkt sich auf sein Gesicht, ein Triebwerk heult auf - und wie er wieder zur Besinnung kommt, stehen Atsy, Rosa und Freddy um ihn herum, Rimo hält ihm einen Plastikbecher mit einer unappetitlichen Flüssigkeit hin und sagt: "Willkommen an Bord des Condor." - "O nein," schreit Jocki, "dann schon lieber der Graf!" - und schon steht er vor ihm. - "Willst du mir gehören?" fragt der Graf. - "Ja." - "Dann sei mir willkommen," freut sich der Graf und fletscht seine Zähne. Voll Entsetzen sieht Jocki, daß er ein Vampir ist. Mindestens drei Zentimeter sind die Eckzähne lang, und spitz wie Nadeln. Er sieht auch, daß des Grafen Lippen dürr und weiß sind, und daß er gerade die Hände aus den Ärmelfalten nimmt, um nach ihm zu greifen. In panischem Schrecken reißt er sich los und rast auf die Falltür zu. Zum Glück steht sie offen. Kopfüber stürzt er sich hinein und fällt. "Hallo," freut sich Atsy, "da bist du ja wieder." Sie gibt ihm einen Kuß und Jocki beschließt, es doch im Condor zu versuchen. Aber grausam langweilig ist es schon.

"Jocki, aufstehen!" War das Atsys oder Rosas Stimme? Keine von beiden, sondern die seiner Mutter, merkt Jocki, wie er jetzt ihre Hand auf seiner Stirne fühlt. Gott sei Dank, ich liege in meinem Bett und brauche nicht zwischen Graf und Condor hin und her zu fallen. Aber das Aufstehen ist auch nicht schön, besonders nach einem solchen Traum. Und in der Religionsstunde kommt Jocki alles, was Fräulein Zwiebelnuß sagt, so leer und nichtssagend vor. Was weiß die denn schon, denkt er bitter, sie kennt nicht den Grafen und nicht das Raumschiff.

Er blickt zu Friedrich hinüber, der aber lächelt nur und legt den Finger auf die Lippen. In der Pause sagt er dann zu Jocki: "Sei nicht zu streng gegen sie! Weißt du denn, was du denken sollst? Was würdest du den Kindern sagen, wenn du ihnen den Sinn des Lebens erklären müßtest?" Da ist Jocki still und hat auf einmal eine große Hochachtung vor dem Fräulein. Aber das ernst nehmen, was sie sagt, das kann er trotzdem nicht. Dafür hat er schon zuviel erlebt. Dann erzählt er Friedrich seinen Traum. "Toll," sagt der, "darauf wäre ich nicht gekommen. Aber genau so ist es. Entweder gibt es Gott oder nicht. Zwischen diesem Entweder und diesem Oder schaukelt man hin und her und hält es nirgends aus. Weißt du, was es geben müßte? Eine Art Bremse mitten in der Erde, die einen befreit vom Zwang des Entweder/Oder." "Und dann? Dann hockst du mitten in der allergrößten Hitze in einem engen Schacht und bist noch unglücklicher als draußen. Nein, Friedrich, es muß eine andere Lösung geben." "Es gibt eine. Deshalb ist ja unser Haus so bunt. Die zwei Bänder, die du bisher erlebt hast, waren bloß die Einleitung. Jetzt verstehst du das Problem. Wenn du am nächsten Mittwoch kommst, fangen wir mit der Lösung an." "Ach so," sagt Jocki.


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