Jürgen Kuhlmann

Verkehrte Krönung ?

Dies ist eine wahre Geschichte. Wahr nicht nur im alten vollen Sinn, wie viele Geschichten der Bibel, sondern auch auf die flachere moderne Weise. Sie hat sich gerade so begeben, wie sie hier berichtet wird, Kamera und Tonband hätten das Ereignis aufnehmen können.

Es ist der erste Julisamstagabend 1992 im Hohen Dom zu ***. Kurz vor sechs Uhr werden die Touristenscharen von barschen Amtspersonen vor die Wahl gestellt, entweder den Dom zu verlassen oder zum Gottesdienst Platz zu nehmen. Eine heilige Messe wird angekündigt. Während ich mich auf ihren Beginn freue, tritt ein Priester ans Mikrophon und teilt mit, es sei hier Brauch, sich auf die Messe mit einem Rosenkranz vorzubereiten. Priester und Ministrant beten abwechselnd mit lauter Stimme vor, während die Antwort des Volkes - apparatlich unverstärkt - sich eher dünn im weiten Raume verliert.

Und dann geschieht es, zu Beginn des fünften Gesätzes. Ist der junge Mann müde? Ärgert er sich über die männische Vorherrschaft in der Kirche? Ist er es von zu Hause gewohnt, daß die Mutter bestimmt? Zerreißt seine Anima jäh ihre Fesseln? Der Grund bleibe sein Geheimnis, deshalb verschweige ich auch den Ort der Kathedrale. Jedenfalls verspricht er sich, springt aus dem glorreichen Rosenkranz halb zurück in den freudenreichen, klar und kräftig hallt es durch den gewaltigen Gottesbau: "... und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, DEN DU O JUNGFRAU IM HIMMEL GEKRÖNT HAST." Raunen, Unbekannte lächeln einander zu. Das ist alles. In gut höfischem Stil wird des Schnitzers keine Erwähnung getan, auch nicht später bei der Predigt. Warum auch? Ein Versprecher halt, das kann jedem passieren.

Mich erfüllt diebische Freude. Hat die ehrwürdige Kathedrale in all ihren Jahrhunderten je dermaßen laut eine solche Ketzerei gehört? Aus der demütigen Magd wird die krönende Königin, zu ihren Füßen kniet der Herr der Herren und läßt sich von Ihr seine abgeleitete Würde übertragen. Ein schönes Bild. Auch ein wahres? Können wir mit frommer Unterscheidungskraft - wie so viele alte Dogmen - auch diese neue Frechheit recht verstehen? Darf ganz falsch sein, was die Luft unter diesen heiligen Gewölben so kräftig hat schwingen lassen? Ich beschließe: nein. In welchem Sinn aber hat Maria ihren Sohn im Himmel gekrönt? Mein dogmatischer Möglichkeitssinn gerät ins Schwärmen ...

Die Mutter Gottes ist die Ikone für Gott die Mutter, das ewig Weibliche, die Heilige Gischt, die Ruach, sagte Jesus, sprach er von IHR. Der hl.Geist ist eine zwar notwendige, aber eindeutig falsche Übersetzung. Gott sei übergeschlechtlich? Natürlich, nicht aber unser Gottesbild. Maria ist nicht nur Geschöpf, sondern auch die Erscheinung der Ungeschaffenen Gnade, der ursprunghaft machtvollen Weiblichkeit, aus deren Huld alles stammt, sogar der Ewige Logos selbst, der Sinn der Welt, der in Jesus Mensch gewordene "Sohn der Liebe" Gottes (Kol 1,13). Daß SIE seine arme, von den Dornen zerrissene Stirn zuletzt mütterlich heilt und mit der Krone der siegreichen All-Liebe schmückt - können wir daran zweifeln? Sollte Jesus alles Menschliche in den Himmel mitgenommen haben, nur nicht die kindliche Ehrfurcht zu seiner Mutter? Das kann nicht sein.

Genug der Bilderträume. Machen wir aus einem Versprecher keine andere Religion. Der Friede mit den marienskeptischen Protestanten ist ebenso wichtig wie das Akzeptieren feministischer Sehnsucht. "Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Dort, im Raum der Öffentlichkeit, wo jede Formel ihr Gegenteil ausschließen muß, ist eine wechselseitige Krönung unmöglich. Oder? Ist jede Hochzeit nicht eben das? Du sollst Kaiser(in) meines Herzens sein ... Ja, vielerlei Perlen bilden den Rosenkranz der göttlichen Wahrheiten, alle kennt keiner. Trauen wir uns, die eigenen zu lieben und fremde zu achten. Nicht alles, was unserer Wahrheit widerspricht, ist falsch.

Juli 1992

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Siehe auch des Verfassers Predigtkorb auf dem katholischen Server www.kath.de

sowie seinen neuen (seit Ende 2000) Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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