Jürgen Kuhlmann

Der vorletzte Ton

Bei der Chorprobe: ein Blitzlicht aufs Alter

"Der vorletzte Ton ist der gefährliche! Auf den müssen Sie bewußt achten, von selbst würde er zu tief. Gerade bei den absteigenden Tönen kommt alles auf die Spannung an." Noch einmal macht die junge Chorleiterin es uns vor. La - la - la - la, steigt der Dreiklang zur Oktave hinauf und dann, la - la - la - la, wieder zurück. Beim vorletzten la streckt sie beschwörend einen Arm auf uns zu: angespannt waagrecht, um Himmels willen nicht das winzigste bißchen schlaff. Beim Nachsingen konzentriere ich mich auf den vorletzten Ton und spüre deutlich den Unterschied zu vorhin. Ja, so ist die Musik rein.

"Leben bis zuletzt!" rät ein Motto der Hospiz-Bewegung. Es ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht, ob wir unsere vorletzten Töne kraftlos ableben, weil die Phase schwieriger Anspannung vorbei und es eh' egal ist, wo wir schlußendlich landen - oder ob wir uns gerade beim vorletzten Ton "zur Vollkommenheit hin ausstrecken". "TÚndere ad perfectionem", lehrt Thomas von Aquin (S.Th. II-II q 186 a 2), dazu ist auf je seine Weise jeder Mensch verpflichtet. Vollkommen zu sein ist weder verlangt noch möglich, aber ohne die Tendenz, ohne das Sich-Ausspannen zu dem, was sein soll, wäre unser Dasein verächtlich, würdelos.

Man sieht, wie sehr es auf die rechte Übersetzung ankommt. "Nach Vollkommenheit streben" riecht nach Strebertum, puritanisches Gehabe ist nicht unsere Sache. Lieber will ich bei den anstehenden vorletzten Tönen an jenen vollkommen gestreckten Arm denken und mich erinnern, wie glücklich eine exakt getroffene Terz gerade auch dann macht, wenn - bei der Probe - nichts mehr auf sie folgt als der Grundton. Und eine wilde Vorfreude aufs Konzert.

Juni 2005


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