Werden
 des Systems
=> Achteck
Achteck-Krise
Perichorese
System
2 x falsches /
  rechtes Handeln
Werden => Liebe
Weg zum falschen Achteck

Der Gotteskreis

Man stelle sich einen Seminaristen vor, etwas über 20. Seit seiner Kindheit macht er das Kreuzzeichen: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". Der Sohn ist Jesus, der Vater ist Gott, zu dem auch ich bete. Diese Beziehung ist unergründlich tief, aber doch klar. Auf Erden der Sohn, im Himmel der Vater, ein unterer Pol bezieht sich auf einen oberen. Wer aber ist der Heilige Geist?

In der Schule (so nennen wir die päpstliche Universität Gregoriana in Rom) hören wir mancherlei über ihn, doch kein Funke springt in mein Herz. Bis mir eines Tages das neue Buch von Heribert Mühlen in die Hand gerät [Der Heilige Geist als Person (Münster 1963)]. Verblüffend einfach erklärt er die drei Personen: mit den persönlichen Fürwörtern. Ähnlich wie in der Grammatik ist auch im Ganzen das Ich die erste Person, vor ihm kommt nichts, jegliche Beziehung setzt ein Ich voraus. Zweite Person ist das Du, dem Ich gegenüber, Glanz von seinem Bewußtseinslicht. Das Du bezieht sich auf das Ich zurück, verdankt sich ganz ihm, könnte ohne das Ich nicht sein, ist aber doch unrückführbar anders. Bei solcher Zweiheit von Ich und Du bleibt es nicht, als "drittes" ereignet sich ihre Liebeseinheit, das Wir. In Gott heißt das Wir: der Heilige Geist.

Ich war erleichtert. Endlich wußte ich, wer der Heilige Geist ist. Mitten in unserem Innenhof strömt ein Brunnen, gern ging ich um ihn herum im Kreis spazieren. Eines Tages war dieses Kreisen vom unendlichen Sinn erfüllt: Der "höchste" Punkt (vor der Kirche) bedeutete das göttliche ICH, der Punkt gegenüber (in Richtung der Welt, des Speisesaals) stand für das göttliche DU, den Welt gewordenen Logos, während das WIR eben vom Kreisgang selbst bezeichnet wurde, dem dynamischen Schwung zwischen beiden Polen, der alles schenkenden Liebe und der nichts zurückhaltenden Gegenliebe ineins. Oft bin ich diesen Meditationsweg gegangen, die Mitstudenten hatten ihren Spott, wußten freilich nicht, welch gewaltiger Rhythmus mich im Bann hatte, während ich die Gotteskreise zog. Immerhin ist die Sage von Ausgang und Rückkehr einer der menschlichen Urmythen [ Er findet sich schon in vielen Märchen, kommt zu schärfster Prägnanz in der Dreiheit des Proklos: monh = in sich ruhendes Sein, pro-odoV = Hervorgang, Gegenstand, epistrofh = Rückkehr; vgl. dazu Heinrich Beck, Triadische Götter-Ordnungen: klassisch-antiker und neuplatonischer Ansatz (Theologie und Philosophie, 67/1992, 230-245). Als Hegels Dialektik von These, Antithese und Synthese prägt diese Dreiheit das zeitgenössische Bewußtsein. Heinrich Beck verdanken wir die Einsicht, wie sehr das Menschenbild des Thomas von Aquin vom Dreischritt des Seinsaktes bestimmt wird: »Die anfängliche Insistenz bewegt und öffnet sich in Ek-sistenz zum Andern und holt sich von ihm her in kreisender 'Wiederholung' zu noch tieferer und beziehungsreicherer Insistenz zurück« (De Homine, Roma 1972, 5).Die Begegnung mit Heinrich Beck, der (ebenda) von der trinitarischen »Kreisfigur« spricht, hat meine Wahrnehmung des Gotteskreises verstärkt und gefestigt]. Ich kann diese schlichte Übung jedem empfehlen, sie vermittelt Kraft und Ruhe. Später habe ich den Trinitätskreis frühmorgens dem frischen Schnee aufgeprägt, auch schwimmen läßt er sich gut, etwa am Narrenstrand in Torrevieja, wo Quintulums Taufkirche zum Meer hinuntergrüßt. Wesentlich sind der obere und der untere Punkt sowie die Einheit beider Kreisbögen.

Vier Takte um den Entschluß

Angeregt durch eine lobende Rezension in der Orientierung, besorgte ich mir den Exerzitienkommentar von Gaston Fessard [La Dialectique des Exercices Spirituels de saint Ignace de Loyola, Aubier 1956]. Bedeutender Hegel-, Marx- und Kierkegaardkenner, hatte er in seiner jesuitischen Tradition ein Juwel christlicher Dialektik wiederentdeckt und aufpoliert. Ich war hingerissen von der Wucht und Präzision seines Denkens. Das Juwel selbst ist, ganz im Geist des hl. Ignatius, von einem ungarischen Jesuiten des 17. Jahrhunderts geschliffen worden und lautet:

"So vertrau auf Gott,

als ob der Erfolg der Dinge ganz von dir,
 nichts von Gott abhinge

;

 so aber wende alle Mühe auf sie ,

 als ob du nichts, Gott alles allein täte ."

P. Fessard zeigte auf, wie sinnlos die übliche Versimpelung ist: Bete, als hinge alles von Gott ab, und arbeite, als hinge alles von dir ab. Ein unbegriffenes Nebeneinander von Quietismus und Aktionismus löst nicht das Grundproblem der christlichen Praxis. Anders der jesuitische Spruch. Zuerst gilt das Gottvertrauen, ich weiß mich in die Heilsgeschichte einbezogen, von DIR dem unendlichen Zielwillen magnetisiert. Weil DU aber nicht, wie irdische Herrscher, ein Fremder bist, sondern der tiefinnerliche Quell auch meines Seins, deshalb werde ich zweitens gegen jedes heteronome Mißverständnis gewarnt: DIR dem wirklichen Gott (im Gegensatz zu allem mir etwa eingeträufelten Gottesgift) traue ich eben nur, wenn ich DICH in meinem eigenen Ich am Wirken glaube, nicht bloß vor einem absoluten Überich kusche. Deshalb gilt nun nicht mehr die Du-, sondern die Ich-Stimmung. Ebenso, wenn es drittens um die Verwirklichung geht; das wäre keine echte Frömmigkeit, die sich auf die faule Haut legte. Nein: wir sollen Gottes Hände sein. Damit wir aber bei gutem Ausgang nicht hochmütig, bei schlechtem nicht mutlos werden, braucht es viertens das Anti-Ego-Filter. Egal, was dir gelingt, nicht du bist letztlich der Richter deiner Taten und Ergebnisse, vielmehr DU Dein Gott. Am Ende der Geschichte, wie an ihrem Anfang, steht das Gebet. Weil du weder Gottes Ziel kennst noch die unterirdischen Nachströmungen deines Tuns, kannst du dessen Resultate nicht abschätzen. Überlaß sie deinem Gott.

Was bedeutet der Strichpunkt in der Mitte? Wie P. Fessard erklärt, ein Doppeltes. Im Kleinen: Jede "Wahl" im Sinn der Exerzitien, jeden Entschluß im Einklang mit Gottes Willen. Im Großen: Gottes weltgeschichtlichen Zentral-Entschluß, das Christusereignis als Mitte der irdischen Heilsgeschichte. Auch diese Mitte bringt also einen Stimmungsumschlag: zwar bleibt sie innerhalb des Ich, schlägt aber vom offenen, möglichkeitsbewußten "Vorher" (l'Avant) ins entschlossen verwirklichende "Danach" (l'Après) um. Somit sind es vier dialektische Momente, nicht nur drei, mitten in die Ich-Phase blitzt der Augenblick der göttlichen Synthese von Du und Ich, von göttlicher und kreatürlicher Freiheit. Wer wollte leugnen, daß Ignatius der tiefere Dialektiker war als seine drei berühmten Nachfahren? Kierkegaard kennt bloß das Du und den Augenblick, Marx verdrängt das Du, um das Ich (scheinbar) zu retten, Hegel verbindet zwar beide, weiß aber nichts von der Würde des Augenblicks, sondern läßt alles so notwendig sich abspulen, als gäbe es nur Logik und keine Tat-Sachen.

Abbilden läßt die beschriebene Spannungseinheit sich als eine Gerade mit vier gleichen Strecken und einem Punkt in der Mitte. Wie paßt sie zum vorhin dargestellten Kreisbild? Scheinbar nur so, daß die viertaktige Linie sich als innere Struktur des unteren Kreispunktes enthüllt: beide bedeuten ja die Gott-erfüllte Weltgeschichte. Sie wird von jener Ich/Du-Spannung geprägt, die uns in Jesu Gleichnis der verlorenen Söhne begegnet; deren Versöhnung ist Christus, Gottes Du (Sohn) und »Ich« (Wort) in Person. Somit ergab sich mir dieses Schema. Störend war an ihm, daß die trinitaischen Gegensatzpole oben und unten mit demselben Begriff ICH dargestellt wurden, das mußte verwirren. Deshalb nannte ich das obere Ich jetzt: SELBST.

Das einzige Selbst aller Wesen

Durch Vermittlung eines Mitstudenten aus Mauritius hatte ich Raimon Panikkar kennengelernt, damals Studentenpfarrer in Rom. Sohn einer Katalanin und eines Inders, ist er in eigener Person ein Treffpunkt von Christentum und Hindukultur. "Ich bin Hindu und katholischer Priester," erklärte er lächelnd, und wenn man auf seinem Bücherbrett die gewaltigen Sanskrit-Wälzer neben dem Brevier sah,

glaubte man es ihm. Er führte uns in die Lehre der Upanischaden und des großen Mystikers Shankara ein, zog die Verbindungslinie zu Meister Eckhart und bestand darauf, daß die indische Selbstmystik etwas völlig Eigenes sei, mit den neutestamentlichen Kategorien Heide/Jude/Christ überhaupt nicht einzufangen.

Das leuchtete mir ein; keines der vier Geschichtsmomente, wie P. Fessard sie im Anschluß an Paulus unterschied, war von indischer Offenbarungsstimmung erfüllt. Zur Spannung Jude (du) / Heide (ich) und der innergeschichtlichen Abfolge von Vorher und Danach war das mystische Selbst-Gefühl unendlich jenseitig, besser: inseitig. Es ist mithin klar zu unterscheiden zwischen dem paulinischen Christus als Fülle der Zeit (in dem nicht länger jüdisches Du oder griechisches Ich allein gilt, sondern die neue Schöpfung) und dem johanneischen Christus, der das ganz andere Wort spricht: "Ehe Abraham ward, bin ICH." Dieses Ur-ICH ist vom griechisch-individuellen Ego unendlich weit entfernt, in ihm klingt vielmehr geheimnisvoll das indische atman=brahman wider, von den meisten Christen ist es freilich so noch nicht vernommen worden, Meister Eckhart und Johannes vom Kreuz sind seltene Ausnahmen geblieben.

Der ganze Kosmos ein buntes SELBSTspiel des einzigen ICH in zahllosen Rollen, Gliedern, Träumen; jedes Einzelbewußtsein ein Konzentrationsvollzug des ungeschaffenen WER auf ein bestimmtes geschaffenes Was, gleich als ob ich mich jetzt zum Gitarrenspieler bestimme, dann zum Weingenießer, dann zum Schwimmer, und endlich alle bestimmten Selbstgeschöpfe auflöse und im reinen Selbstgefühl versinke: solches Denken ist dem westlichen Normalchristen sehr fremd, war es - vor der Begegnung mit Don Raimundo - auch mir.

Wo hat solche SELBST-Mystik in unserem Rhythmuskreis ihren Platz? Sobald ich mir diese Frage stellte, hing ich auch schon im irrigen System fest. Denn ihre Voraussetzung (Selbstmystik sei ein Takt jenes Rhythmus, den Fessard in der Jude/Heide-Dialektik und den Exerzitien gefunden hatte) war falsch. Dennoch schildere ich jetzt den weiteren Irrweg, nur so wird »An Quintulum« verständlich:

Wo hat die SELBST-Mystik im Rhythmuskreis ihren Platz? Am oberen Punkt, dem reinen Anfang vor der Geschichte und reinen Ende nach ihr.  Auch der obere Halbkreis wurde in vier Segmente geteilt, die beiden mittleren bezeichnen dieses SELBST, das linke den Ur-Anfang, jenes ICH, das ist, ehe Abraham ward, das rechte das Selbst als letztes, lichtes Erwachen nach allen Träumen der Geschichte.

Damit hatte der untere Punkt sich zu einem Halbkreis ausgedehnt, der obere Punkt zu einem Viertelkreis. Blieben die beiden äußeren Takte des oberen Halbkreises. Sie mußten jetzt das bezeichnen, wofür beim anfänglichen Kreisgang der ganze Bogen stand: die Liebe des Ich zum Du und die Gegenliebe des Du zum Ich, beide zusammen das eine göttliche WIR des Heiligen Geistes; statt WIR sage ich lieber EINS; denn »wir« klingt zu nachträglich, setzt du und ich schon voraus, während SIE, die heilige Liebe, selbst Gott und deshalb gleichewig und ursprünglich ist.

Die göttliche Mutter

Lange bevor man von feministischer Theologie sprach, bin ich der Göttin begegnet. Als in der "Schule" die Dreifaltigkeit durchgenommen wurde, versuchte ich eines Nachmittags, die von Logik blitzenden Gedankengänge unseres kanadischen Professors Bernard Lonergan nachzuvollziehen. Sie stimmten, das sah ich ein, trotzdem entdeckte ich eine Lücke. Andersherum wäre es genauso gegangen; für die gewählte Richtung war jedoch kein Grund angegeben, auch keiner denkbar; denn in Gott gibt es weder ein natürliches noch ein logisches Früher oder Später, soviel hatten wir beide vom heiligen Thomas gelernt.

Während gemäß dem westkirchlich-lateinischen Dogma der Heilige Geist von Vater und Sohn ausgeht ("a Patre Filioque", wie es seit Karl dem Großen im Credo heißt; die orthodoxen Griechen erklären die Papstkirche wegen dieses eigenmächtigen Zusatzes bis heute für ketzerisch!), stand ich plötzlich vor dem überraschenden Satz, daß der Sohn vom Vater und vom Heiligen Geist ausgeht: "Filius a Patre Spirituque". Freilich hielt die Überraschung nicht lange an. Es mußte so sein. Auch bei meiner trinitarischen Gehmeditation führte ja der erste Halbbogen vom Ich zum Du. Natürlich kommt der Heilige Geist, sofern er die Liebe des Vaters zum Sohn ist, (für uns) vor diesem Sohn, in und aus solcher Liebe wird er ja gezeugt: weil ich mit dir wir sein will, deshalb kommt es zu meiner Begegnung mit dir. Insofern ist das Wir vor dem Du, als Gegenliebe geht es dann auch von diesem aus. Im Kolosserbrief (1,13; die Einheizübersetzung schleift ab) heißt Christus "Sohn der Liebe" des Vaters. Da SIE, die diesen Ausdruck ja "in-spiriert" hatte, mir auch innerlich erlaubte, ihn wörtlich zu nehmen, war mein spekulativer Fund biblisch abgesichert. Ohne von meinem inneren Abenteuer etwas zu ahnen, schickte mir zu jener Zeit meine Mutter eine Postkarte [ Als Farbpostkarte billig zu bestellen beim Foto-Verlag Berger, 83209 Prien] aus dem alten Kirchlein von Urschalling (bei ihrem Geburtsort Prien am Chiemsee), wo sich als - jahrhundertelang übertünchtes - Fresko eine einmalig schöne Dreifaltigkeitsdarstellung findet: Zwischen dem Vater und dem Sohn die Heilige Liebe als holde Frau. - Damit hatte sich auch der Sinn des zweiten Taktes geklärt, in ihm gilt die Stimmung des Heiligen Geistes im Vorher.

Offene Weite

Blieb der Eins-Takt nachher. Wie ist die nachgeschichtliche große Einheit zu leben? Der Ego-Schwips verfliegt, der Eisklotz jener negativen Individualität (durch die Hans stolz darauf ist, nicht Gretel oder Gianni zu sein) schmilzt im abendlichen Todesmeer, aus ihm auferstehen darf allein das Positive des Individuums (dank dessen Hans sich unterschiedslos freut, daß er Hans und sie Gretel und der Freund Gianni ist). Als ich einen Übungsnachmittag bei Pater Lassalle mitgemacht hatte und daraufhin die Zen-Tradition studierte, stieß ich auf deren Zentralbegriff "offene Weite". Alle gleichen wir jenem Penner, der sich, die Buddel in der Linken, mit der Rechten um die Plakatsäule herumtastet, wieder und immer wieder, bis er endlich wimmert: "Entsetzlich! Lebendig eingemauert!" Frei läge die offene Weite vor ihm; solange er aber seinem Standpunkt verhaftet ist, nimmt er sie nicht wahr.

Uns abends aufnehmend, schenkt SIE uns Ruhe, tröstet sanft das hingefallene Kind, streichelt als Krankenschwester den Todwunden, nimmt als bergende Hütte den erschöpften Kletterer auf, als Kuschelbett den müden Arbeiter. Dann geschieht, um Mitternacht, das Wunder der Wandlung; aus dem Meer, in dem sie fahl versank, steigt die Sonne strahlend wieder empor. Zwischen Vorgeschichte und Nachgeschichte ereignet sich die Zeit, zwischen Nachgeschichte und Vorgeschichte spannt sich still das ewige Jetzt. Es ist dieselbe Ruhe, die vom einen Werk aus als Abend, vom folgenden her als Morgen sich zeigt; je nach der Blickrichtung erscheint dieselbe Lebens-Einheit mir mehr rauschhaft, als vorindividuelle Paradieseswonne, oder mehr nüchtern, als abgeklärte Sternennacht. Im Geisttakt vorher wirbelt alles noch unfest durcheinander, im Geisttakt danach nimmt jedes Gewordene seinen klaren Platz ein, jenseits von Rivalität und Groll.

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Siehe auch des Verfassers Predigtkorb auf dem katholischen Server www.kath.de

 sowie seinen neuen (seit Ende 2000) Internet-Auftritt Stereo-Denken
   samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

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